46ers verlieren das zweite Playoff-Halbfinale gegen Kirchheim mit 75:91 und geben den Heimvorteil wieder aus der Hand / Dienstag Spiel drei.
Wie gewonnen, so zerronnen! Den bis ins Mittelalter zurückgehenden Ausspruch, der die Vergänglichkeit von Glück und Reichtum thematisiert, haben die GIESSEN 46ers am Samstagabend zu neuem Leben erweckt.
Drei Tage nach dem grandiosen 90:77-Erfolg im ersten Playoff-Halbfinale der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA bei den Bozic Estriche Knights Kirchheim haben die Schützlinge von Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic unerwartet deutlich den Ausgleich in der Serie hinnehmen und damit auch das Heimrecht wieder abgeben müssen. Beim 75:91 (40:51) gegen die Truppe aus dem 16.000 Einwohner-Städtchen südöstlich von Stuttgart stimmte wenig, so dass der 59-Jährige später unverblümt auch davon sprach: „Verdienter als wir heute Abend kann man nicht verlieren.“
Das saß! Das Urteil basierte aber auf harten Fakten, die die Stats schonungslos aufzeigten. Alle vier Viertel gingen an Kirchheim. Da Chuck Harris schon vor dem Match hatte passen müssen und Tyrel Morgan in Halbzeit eins verletzt in die Kabine humpelte, reichten schließlich acht wackere „Ritter“, um den Altmeister zu beherrschen. Alle relevanten Statistiken (Dreierquote, Rebounds, Turnovers) gingen an die Schwaben, so dass sich Ignjatovic-Freund und Knights-Übungsleiter Igor Perovic in der Pressekonferenz genüsslich zurücklehnen konnte: „Ich habe einen großen Kampf und eine tolle Einstellung meiner Jungs gesehen. Wir sind mit viel Energie und Leidenschaft an die Aufgabe herangegangen, wir haben schlicht einen großartigen Job gemacht.“
Einen, der die Serie, wie es Luis König Figge später formulierte, „wieder auf null gestellt hat. Alles geht von vorne los. Am Dienstag in Kirchheim greifen wir wieder an.“ In die gleiche Kerbe schlug auch der wie immer klare analytische Kante zeigende Kapitän Robin Benzing, der offen die Frage stellte: „Was wollen wir eigentlich? Hat irgendjemand allen Ernstes geglaubt, wir würden eine Mannschaft wie Kirchheim, die nach der Hauptrunde in der Tabelle besser abgeschnitten hat als wir, einfach mal so 3:0 wegfegen?“
Mitnichten! Aber nach dem Auftakterfolg unter Teck waren die Erwartungen hoch und die Euphorie überschwänglich, aufs Parkett aber bekamen „Frenkis“ Jungs den Schwung vom Mittwoch nie. Nicht einmal lagen sie in Führung, schon beim 0:12 nach drei Minuten wurde die zunächst gnadenlos laute Osthalle ein klein wenig leiser. Simon Krajcovic besorgte zwar in Minute fünf die ersten 46ers-Zähler, doch so richtig Tuchfühlung nahmen die Hausherren nie auf. Das 12:16 (8.) durch Viktor Kovacevic bedeutete den knappsten Rückstand in der gesamten Partie, in der Kirchheim stets mit zehn, zwölf Punkten in Führung lag.
„Wir haben es nie verstanden, dem sehr physischen Spiel von Kirchheim etwas entgegenzusetzen“, befand Robin Benzing. „Wenn wir es aber wie in der Serie gegen Crailsheim schaffen, dagegenzuhalten, dann ist mir vor den restlichen Spielen nicht bange.“
Zunächst aber gilt es, den Samstagabend, der davon geprägt war, dass die entscheidenden Szenen, als Gießen kurz davor war, der Partie eine Wende zu geben, allesamt zugunsten der Knights ausgingen. So beim 22:27 (12.), als Kyle Castlin unter dem langen Nicolas Bretzel hindurch tauchte, in der Folge aber Adnan Arslanagic einen leichten Korbleger vergab und Viktor Kovacevic den Ball verstolperte. So auch beim 65:76 (32.), als erst Robin Benzing und dann Daniel Norl mit ihren Dreierversuchen Pech hatten. So auch beim 70:78 (35.), als erst Aiden Warnholtz und dann Adnan Arslanagic von Downtown scheiterten.
„Wir sind verkrampft aufgetreten, hatten irgendwie eine mentale Blockade, haben leichte und unnötige Fehler gemacht und es Kirchheim somit gestattet, sich in einen Rausch zu spielen“, blickte Branislav Ignjatovic auf 40 intensive Minuten gegen seinen Ex-Club zurück. „Das wird uns kommenden Dienstag nicht noch einmal passieren. Die Serie steht unentschieden, wir greifen wieder an.“ Ins gleiche Horn blies auch Luis König Figge, der zwar kritisierte, dass „wir technisch, taktisch und physisch keine richtigen Antworten hatten“, der aber auch anmerkte: „Alles geht von vorne los. Jetzt ist es halt nicht mehr ein Best-of-five-, sondern ein Best-of-three-Vergleich.“
Vor dem es den 46ers nicht bange sein muss, denn trotz allem Schrecken beim Blick auf die Stats hatte die wieder einmal ausverkaufte und stimmungsvolle Osthalle auch Positives bei Gießen, das auf den erkrankten Roland Nyama verzichten musste, gesehen. Beispielsweise den Auftritt von Till Gloger, der dem dritten Viertel mit acht blitzsauberen Punkten seinen Stempel aufdrückte. Beispielsweise Robin Benzing, der sich abermals an der Freiwurflinie schadlos hielt und seine Playoff-Bilanz damit auf 35 Treffer in 41 Versuchen (83 Prozent) schraubte.
Beispielsweise Daniel Norl, dem die Schiedsrichter ebenso wie Aiden Warnholtz zwar früh mit fünf Fouls den Stecker zogen, der aber aus der Nahdistanz (80 Prozent) gefiel. Und auch beispielsweise nur insgesamt zwei vergebene Freiwürfe von allerdings nur mageren 15 durch die Refs zuerkennten Freiwürfen (gegenüber 24 der Gäste).
„Ich habe immer vor Kirchheim gewarnt. Wir dürfen sie nicht unterschätzen“, versprach „Frenki“ Ignjatovic seinem ehemaligen Arbeitgeber für Dienstag „einen großen Fight.“ Dem wollte sich Kyle Castlin gerne anschließen: „Die Serie ist offen. Wir arbeiten hart und konzentriert“, urteilte der 28-Jährige. „Insgesamt bin ich positiv gestimmt.“
Was die 46ers auch sein sollten. Denn es war der erste, nicht sonderlich überzeugende Auftritt im sechsten Playoff-Match dieser Saison.
Gießen: Norl (12), Warnholtz (8), Arslanagic (8), Castlin (10), Benzing (12), Maier, König Figge (1), Müsse (n.e.), Gloger (10), Kovacevic (8), Krajcovic (6).
Kirchheim: Russell (25), Aydinoglu (7), Mayer (6), Pope (13), Zerner (n.e.), Morgan (7), Spinoso (4), Failenschmid (5), Jung (8), Bretzel (16).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
- Unser ausdauerndster Profi: Daniel Norl (31:15 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Till Gloger (7).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (7).
- Unsere höchste Führung: keine.
- Unsere erfolgreichste Serie: 6:0 zum 28:35 (15. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 2404 Zuschauer in der ausverkauften Osthalle.
- Unser nächster Auftritt: Dienstag, 26. Mai (19 Uhr), in der Sporthalle Stadtmitte in Kirchheim.
Playoff-Halbfinale (best of five), Spiel zwei: Eisbären Bremerhaven – Phoenix Hagen 87:80 (Stand 1:1), GIESSEN 46ers – Bozic Estriche Knights Kirchheim 75:91 (Stand 1:1).
So geht es weiter: Bozic Estriche Knights Kirchheim – GIESSEN 46ers (Dienstag, 19 Uhr), Phoenix Hagen – Eisbären Bremerhaven (Dienstag, 19.30 Uhr).


