(Foto: Stefan Pieper)

Castlin trifft und Kigab liefert

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In einem offenen Schlagabtausch ziehen die GIESSEN 46ers bei den Artland Dragons aber trotzdem mit 100:107 den Kürzeren.

207 Punkte. Offener Schlagabtausch. Zwei Ausnahme-Scorer. 29 versenkte Dreier. Ein starkes Debüt von Abu Kigab. Spektakel unter beiden Brettern. Dazu ein wechselnder Spielverlauf und eine Crunchtime wie in einem Edgar-Wallace-Thriller: Unter den 2000 Zuschauern in der Artland-Arena kamen fast alle auf ihre Kosten. Nur eben zwölf Profis, zwei Trainer, ein Physio, ein Team-Manager und vielleicht 15 Anhänger aus Gießen nicht. 

„Die Zuschauer treten ihren Nachhauseweg mit Sicherheit hochzufrieden an, nur wir sind frustriert“, hatte „Frenki“ Ignjatovic am Samstagabend am 13. Spieltag der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA „viel Gutes gesehen“, bestieg den Mannschaftsbus gen Mittelhessen vor der rund fünfstündigen Rückfahrt aber mit einer Krawatte, als sei sein Team gerade in die ProB durchgereicht worden. 

Mit 100:107 (43:50) hatten seine Jungs das dramatische Verfolgerduell bei den Artland Dragons verloren, hatten aber über weite Strecken keineswegs enttäuscht. „Am Ende waren es leider Kleinigkeiten, die uns das Genick gebrochen haben“, analysierte der 59-Jährige. „Hier mal ein Ballverlust, da mal eine unglückliche Schiedsrichter-Entscheidung. Hier mal ein Wurf, der reinschaut, dann aber wieder rausfällt, da vielleicht mal ein Foul zu wenig“, grantelte der Mann aus Belgrad. Am Ende war es Amir Hinton, der den GIESSEN 46ers den Stecker zog. Ignjatovic: „Wenn du zulässt, dass ein Mann in nur einer Halbzeit 28 Punkte macht, dann hast du es nicht verdient, so ein Match zu gewinnen.“ 

In der Tat hatte sich syrische Internationale, der im Sommer aus Trier in den Landkreis Osnabrück gekommen war, in einen Rausch gespielt. Fünf Punkte in Halbzeit eins, zehn im dritten und satte 18 im letzten Viertel weckten Erinnerungen an den Einstand des 28-Jährigen in Deutschland, als er im Oktober 2023 für Jena 29 Zähler gegen Karlsruhe markierte. 

„Amir hat insbesondere in Halbzeit zwei aufgedreht und uns am Ende vorweihnachtlich beschenkt“, wusste auch Drachen-Dompteur Hendrik Gruhn, dass er in erster Linie seinem unerschrockenen Guard, aber auch Double-Double-Rookie Ben Burnham, der zu seinen 16 Zählern auch noch 14 Rebounds und damit vier mehr als die komplette lange Garde der Gäste zusammen herunterpflücken konnte, den Erfolg zu verdanken hatte.

Dass 107 Gegenpunkte in der Fremde so gut wie nie dazu taugen, Zählbares mit nach Hause zu nehmen, wussten die 46ers-Profis nur zu gut. „Wir waren defensiv einfach nicht stark genug“, fasste Kapitän Robin Benzing die Geschehnisse ebenso nüchtern wie treffend zusammen. „Wenn du on the road so viele Gegenpunkte kassierst, gewinnst du nie und nimmer.“ In die gleiche Kerbe schlug auch Jonathan Maier: „Offensiv war unsere Vorstellung in Ordnung, defensiv aber planlos, schlicht eine Katastrophe. Wir haben einfach keinen Weg gefunden, Artland und besonders Amir Hinton aufzuhalten.“ Und Luis König Figge ergänzte: „Wir haben deren Dreier einfach nicht gestoppt bekommen. 107 Gegenpunkte waren zu viel.“

In der Tat machten die Hausherren gefühlt aus jedem Schuss aus dem Nirwana Punkte. Schon im ersten Abschnitt hatten sie so 15 Zähler markiert, nach gut einer Viertelstunde waren es bereits zehn Dreier, die sie hatten einschweben lassen. Gießen aber mühte sich redlich, hatte viel Positives zu bieten, zeigte Selbstvertrauen, ließ den Ball laufen und hatte mit Neuzugang Abu Kigab einen Mann auf der Platte, der schon nach drei Trainingseinheiten verriet, dass er den 46ers weiterhelfen wird. „Er hat die Erwartungen erfüllt und uns in vielen Situationen am Leben gehalten“, so „Frenki“ Ignjatovic.

Der 28-Jährige betrat erstmals in Minute sieben das Parkett, ließ sich 70 Sekunden Zeit, um beim 18:24 (9.) seine ersten und wenig später beim 20:24, als er Dejan Bruce wie in einer Telefonzelle frisch macht, seine Punkte drei und vier einzustreuen. Auch der krachende Dunk zum 31:35 (14.) und ein schneller Move gegen den verdutzten Ben Burnham zum 36:40 (17.) zeigten, dass der erst am Dienstag in Gießen eingetroffene Forward die Auftritte des Altmeisters auffrischen wird. Weil sich hernach auch noch Robin Benzing und Till Gloger an der Freiwurflinie schadlos hielten und Gießen einen zwischenzeitlichen 9:0-Lauf eingestreut hatte, schien die Ballerei der Drachen beim zwischenzeitlichen 40:42-Rückstand (18.) aus 46ers-Sicht noch keinen Schaden angerichtet zu haben.

Erst als die Dragons zu Beginn des dritten Viertels mit elf Zählern (65:54, 67:56) enteilt waren und sich Branislav Ignjatovic fassungslos auf einen Stuhl neben seinen Assistenten Nikola Stanic fallen ließ, schienen die Gäste den Anschluss zu verlieren. Doch beim 80:79 (31.), als der überragende Kyle Castlin im Nachfassen einen vergebenen Korbleger von Abu Kigab in die Reuse streichelte, hatten die Gäste sogar erstmals die Führung übernommen. 

Viertel-übergreifend legten sie einen 14:0-Run hin, machten aus einem 72:79-Rückstand eine 86:79-Führung und waren auch noch nicht chancenlos, als Simon Krajcovic 58 Sekunden vor dem Ende mit zwei Freiwürfen auf 97:98 stellte. Doch als Robin Benzing, hart, aber ungeahndet attackiert, den Ball verlor, Daniel Norl mit den Schnürsenkeln im Aus stand und Amir Hinton über seine eigenen 1,97 Meter hinauswuchs, war es um die Mittelhessen geschehen und die bereits fünfte Auswärtsniederlage im siebten Auftritt in der Fremde besiegelt.

Dabei hatte der Altmeister so viel Positives zu bieten wie bisher selten in dieser Spielzeit. Allen voran Kyle Castlin. Der Top-Scorer aus Marietta/Georgia versenkte sechs von acht Dreiern, traf aus der Nahdistanz zu 78 Prozent und pflückte auch noch acht Rebounds herunter. „Überragend“, so „Frenki Ignjatovioc. An dieser Einschätzung änderten auch seine vier vergebenen Freiwürfe nichts. 

Neuzugang Abu Kigab hielt trotz Jetlag über 28 Minuten tapfer durch, besorgte 17 Zähler sowie sechs Rebounds und nervte seine Kontrahenten in der Deckung mächtig. Aiden Warnholtz versenkte all seine drei Versuche aus Downtown. Luis König Figge hatte überall seine Finger im Spiel. Regisseur Simon Krajcovic übernahm Verantwortung und zeigte, dass seine Formkurve von Woche zu Woche nach oben geht. Till Gloger präsentierte sich gegen Linus Ruf und Ben Burnham stabil. Und Daniel Norl war immer dann zur Stelle, wenn es brannte.

Dass „Frenki“ Ignjatovic trotz des Rückschlags im Artland, trotz seiner Enttäuschung, trotz seines Frusts am Ende davon sprach, er sei „im Großen und Ganzen zufrieden“, konnte dem Cheftrainer niemand übelnehmen. Nach einem 207-Punkte-Spektakel, nach einem Thriller, nach einem Verfolgerduell, das zumindest die Zuschauer in der Halle und an den Fernsehschirmen, deren Liebe nicht Rot ist, hochzufrieden zurückgelassen hatte.

Artland Dragons: Petrone (9), Hinton (33), Lanmüller (8), Dolic (8), Anthony (6), Oehle (n.e.), Ndi (8), Bruce (6), Lastring (4), Ruf (9), Burnham (16).

Gießen: Norl (10), Warnholtz (9), Goodman (4), Castlin (35), Benzing (6), Maier, König Figge (5), Müsse (n.e.), Gloger (4), Nyama, Kigab (17), Krajcovic (10).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Kyle Castlin, Robin Benzing, Jonathan Maier, Luis König Figge, Simon Krajcovic.
  • Unser ausdauernder Mann: Kyle Castlin (30:08 Minuten).
  • Unser stärkster Rebounder: Kyle Castlin (8).
  • Unser bester Passgeber: Aiden Warnholtz (3).
  • Unsere höchste Führung: 86:79 (32. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 14:0 zum 86:79 (32. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 2000 Zuschauer in der Artland-Arena, davon 15 aus Gießen.
  • Unser nächster Auftritt: Dienstag, 23. Dezember (20 Uhr), gegen die BG Göttingen.

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