„Wie verhext“

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GIESSEN 46ers verlieren gegen Schlusslicht Uni Baskets Münster durch einen Dreier eine Sekunde vor dem Ende mit 74:77 (40:31).

Als sich in Halbzeit zwei urplötzlich ein undefinierbares Gemisch, das fatal an Arbeiten in einer alten Autowerkstatt erinnerte, breit machte, die Partie vor einem Abbruch stand, Menschen die Osthalle verließen und andere das Geschehen nur noch mit Corona-Maske oder mit einem Schal vor dem Gesicht verfolgten, schien der Gestank auch die Sinne der Hausherren vernebelt zu haben. 

Eigentlich war alles angerichtet für den so herbeigesehnten Aufschwung, für das Festsetzen in den Playoffs, für eine erfolgreiche Heimpremiere von Rückkehrer Viktor Kovacevic, schlicht für den Turnaround einer bislang so gar nicht rund verlaufenden Saison. Eigentlich lag das Momentum nach einer zwischenzeitlichen Zwölf-Punkte-Führung (31:19, 15.), nach gleich drei Monster-Blocks von Viktor Kovacevic innerhalb nur eines Gäste-Angriffs, nach spektakulären Offensivaktionen von Kyle Castlin, der erst Phil Alston vernaschte und dann mit dem Rücken zum Korb auch noch zum 35:26 (18.) vollendete, vor allem aber nach Robin Benzings Buzzerbeater-Dreier aus der eigenen Hälfte zum 55:54 als Abschluss des dritten Viertels, auf Gießen Seite. Aber halt nur eigentlich … 

Denn Nervenflattern, mangelndes Selbstbewusstsein und damit auch einhergehend schweißnasse Wurfhände bestimmten das Geschehen, so dass am Ende magere 34 Punkte in Halbzeit zwei nicht ausreichten, um das Schlusslicht der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA zu besiegen. 

Von „einer der bittersten Niederlagen, seit ich hier Coach bin“, sprach Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic, nachdem seine 46ers gegen die Uni Baskets Münster mit 74:77 (40:31) verloren und damit schon die vierte Heimniederlage im zehnten Match vor eigenem Publikum kassiert hatten. „Ich bin echt sprachlos. Obwohl wir eine Woche zuvor in Karlsruhe noch stark aufgetreten sind, waren meine Jungs total verunsichert.“ 

Viktor Kovacevic wunderte sich, dass „wir nach der Pause überhaupt keine Energie mehr hatten.“ Luis König Figge sah die „schlimme Wurfquote“ wieder einmal als Ursache allen Übels und bemängelte: „Teambasketball sieht anders aus.“ Und Kapitän Robin Benzing wusste: „Münster hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen, wir aber wurden von Minute zu Minute hektischer.“ 

Was an einigen Stats leicht abzulesen war. Die Profis des Altmeisters trafen nur sechs ihrer 22 Versuche von Downtown, die Westfalen indes drehten die Partie, weil sie alleine nach der Pause elf Würfe von jenseits der 6,75-Meter-Linie versenkten. Ins Bild passte, dass mit Nicholas McMullen ausgerechnet ein Big Man der Gäste mit zwei Dreiern zum 74:73 eine halbe Minute vor dem Ende und zum entscheidenden 77:74 eine Sekunde vor der Sirene den 46ers den Stecker zog.

„In dieser Saison ist es wie verhext. Gegen uns laufen sie alle heiß, egal welchen Tabellenplatz sie auch innehaben“, zeigte sich Branislav Ignjatovic in der Pressekonferenz nach dem Match sichtlich gezeichnet. „Die Niederlage war für uns ein Rückschlag im Ringen um einen Playoff-Platz, da brauchen wir nicht drumherum zu reden.“ 

Wie auch nicht um die verlorene Rebound-Bilanz, obwohl den Gästen mit Adam Touray und Bo Hodges zwei ihrer Besten nicht zur Verfügung standen, der nachverpflichtete Deshon Taylor erkrankt kurzfristig passen und Co-Trainer Torben Döding deshalb erneut in die Bresche springen musste. Da auch die Gießener Guards Daniel Norl, Aiden Warnholtz, Devon Goodman und Simon Krajcovic laut Ignjatovic nicht die Form hatten, um die Partie positiv zu beeinflussen, nahm das Unheil in Halbzeit zwei seinen Lauf. Alle vier kamen zusammen nur auf 21 Zähler, was bei lediglich sechs Treffern bei insgesamt 25 Versuchen nicht verwunderte. 

Die Defense stimmte auf Gießener Seite, die Offense aber blieb, wie schon gegen Bochum, in Münster, in Köln, gegen Göttingen oder gegen die Artland Dragons, als nur neun Prozent von der Dreierlinie in „Frenki“ Ignjatovics Trainerleben einen neuen Minusrekord bedeuteten, vieles schuldig. Statt auf die Neun-Punkte-Halbzeitführung aufzubauen, sich am Dreier von Robin Benzing zum 45:38 (22.) zu laben, sich am Pass von Coast to Coast von Daniel Norl auf Robin Benzing zu erfreuen oder sich am Steal von Viktor Kovacevic gegen Cosmo Grühn zu berauschen, brach sich Unsicherheit Bahn. 

Beim 46:45 (24.) und einem 15:5-Zwischenspurt lag Münster erstmals in Führung. Diese hatte bei den Stationen 63:57 und 68:61 noch Bestand und war erst aufgebraucht, als Luis König Figge exakt eine Minute vor Schluss zum 71:71 abstaubte. Doch auch in der Crunchtime, in der den Fans nicht ob der Spannung, sondern ob des Gestanks in der Osthalle der Atem stockte, lag das Momentum nicht auf Seiten der Gastgeber. 

„Wir dürfen in der restlichen Saison nur noch von Spiel zu Spiel, von Trainingseinheit zu Trainingseinheit schauen. Über das, was in ein paar Wochen sein könnte, sollten wir uns ab sofort keine Gedanken mehr machen“, wollte Luis König Figge nicht mehr über die Chancen auf eine vermeintliche Playoff-Teilnehme diskutieren. „Wir haben gute Jungs und viel Qualität im Kader“, hielt Robin Benzing die Flagge der Selbstbewussten hoch, gab aber auch zu: „Erst einmal kann es für uns nur heißen: Raus aus dem Loch!“

Am besten schon am kommenden Freitag in Leverkusen, wo es in der Ostermann-Arena der Bayer Giants sicher nicht so grausam stinken wird wie am Freitagabend in der Osthalle.

Gießen: Norl (3), Warnholtz (6), Goodman (4), Castlin (19), Benzing (16), Maier, König Figge (6), Müsse (n.e.), Gloger (4), Kovacevic (8), Krajcovic (8).

Münster: O`Brian (4), Viefhus (14), McMullen (14), Dilschmann (14), Masnic (3), Döding (8), Pahnke (2), Grühn (3), Ani (5), Alston (10).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Kyle Castlin, Robin Benzing, Jonathan Maier, Luis König Figge, Simon Krajcovic.
  • Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (32:53 Minuten).
  • Unsere stärksten Rebounder: Kyle Castlin und Luis König Figge (je 6).
  • Unsere erfolgreichsten Passgeber: Simon Krajcovic, Daniel Norl und Devon Goodman (je 3).
  • Unsere höchste Führung: 31:19 (15. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 8:0 zum 31:19 (15. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 2312 Zuschauer in der Osthalle.
  • Unser nächster Auftritt: Freitag, 6. Februar (19.30 Uhr), bei den Bayer Giants Leverkusen.

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