Personell gehandicapte GIESSEN 46ers verlieren in ausverkaufter Osthalle überraschend deutlich gegen die RheinStars Köln mit 77:87.
Irgendwie reichte am Samstagabend ein Blick auf „Frenki“ Ignjatovic, um mehr über den Zustand der Mannschaft zu erfahren. Matt, kreidebleich und mit Schweißperlen auf der Stirn saß der Cheftrainer zwei Stunden lang für seine Verhältnisse fast teilnahmslos auf einem Stuhl hinter seinem vorne die Arbeit verrichtenden Assistenten Nikola Stanic. Mal schaute er auf die Statistiken und schüttelte mit dem Kopf. Mal vergrub er das Gesicht in seinen mächtigen Pranken. Mal zuckte er vor Schmerzen zusammen, als ein Hustenanfall ihn überfiel. Der 59-Jährige bot ein Bild des Jammers.
„Bis am Nachmittag wusste ich nicht, ob ich überhaupt kommen könnte“, machten Ignjatovic drei Rippenbrüche bei einem Sturz an Ostermontag zu Hause und Fieber allerdings mehr zu schaffen als die Vorstellung seiner Mannschaft. „Es ist sehr schwer, von hinten zuschauen zu müssen und nicht eingreifen zu können“, bekannte der Deutsch-Serbe, der diesen Umstand jedoch eine Woche zuvor beim Sieg in Bochum noch genoss, dessen Gesundung nach dem 77:87 (43:40)-Debakel gegen die RheinStars Köln aber sicher keine Fortschritte gemacht haben dürfte.
Denn die Niederlage, die vierte im fünften Match ausgerechnet in der Crunchtime der Saison 2025/26 in der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA, setzte ihm zu. Schwer zu. Wie auch seinen Jungs, die eine große Chance zum Sprung auf Rang sechs, durch den sie den beiden Übermannschaften dieser Runde, Phoenix Hagen oder den HAKRO Merlins Crailsheim, im Viertelfinale aus dem Weg gegangen wären, verpasst hatten.
Was in jenen traurigen Osthallen-Stunden harte Fakten, aber auch weiche Faktoren als Ursachen hatten. Weiche Faktoren, die der Boss aber „nicht als Ausreden“ anführen wollte. Die aber schlussendlich, so Capitano Robin Benzing in seiner wie immer geschliffenen Analyse, „das Match zumindest gegen uns beeinflusst hatten.“ Denn nicht nur „Frenki“ Ignjatovic hatte es böse erwischt. Sondern auch Luis König Figge, „den du“, so Benzing, „immer mal wieder mit seiner grandiosen Energie reinschmeißen musst, wenn es eng wird.“ Die fast komplette Woche hatte der 28-Jährige erkrankt gefehlt und damit mehr Einheiten verpasst als Viktor Kovacevic, Till Gloger, Jonathan Maier und Simon Krajcovic, die wegen unterschiedlicher Malaisen immer mal wieder ausgefallen waren. Benzing: „Eine vernünftige Vorbereitung sieht anders aus.“
Aber auch die harten Fakten sprachen am Samstag in der zum vierten Mal in dieser Spielzeit ausverkauften Osthalle gegen den Altmeister. Eine nur 27-prozentige Dreierquote (gegenüber 45 der Rheinländer) und ein deutlich verlorenes Rebound-Verhältnis (29:37) sprachen klar gegen Gießen. Da zudem mit Kyle Castlin und Robin Benzing die beiden bisherigen Top-Scorer gerade von jenseits des 6,75-Meter-Linie fast nichts (ein Treffer bei elf Versuchen) trafen, Viktor Kovacevic in fast 21 Minuten nur einmal versucht hatte, abzudrücken, und auch Robin Benzing sowie Simon Krajcovic am Ende an der Freiwurflinie die Nerven versagten, nahm das Unheil in der für mittelhessische Verhältnisse ungewohnt stillen 46ers-Heimspielstätte zumindest nach der Pause seinen Lauf.
„Mit einer solchen Schussquote gewinnst du kein Spiel“, krächzte Branislav Ignjatovic in der Pressekonferenz. „Obwohl wir zwischenzeitlich mal mit zehn Punkten führten, war mir irgendwie nicht wohl. Ich glaube, ich habe das Unheil da schon kommen sehen.“ Die Phase, die der angeschlagene Coach meinte, war jene zu Beginn des zweiten Viertels, als die Hausherren Köln mit einem 11:0-Lauf zu überrennen schienen. Adnan Arslanagic hatte im Fallen auf 4:4 (2.), gestellt, Daniel Norl sowohl beim 12:9 (7.), als er aus dem Tritt geraten war, als auch bei seinem Dreier zum 15:11 (9.) Akzente gesetzt, Aiden Warnholtz frech per Lupfer über Jasper Günther zum 27:19 (12.) vollendet und Simon Krajcovic den ansonsten starken Michael Miller bei einem Solo zum 29:19 wie einen Statisten stehen gelassen, so dass alles für einen Heimerfolg angerichtet schien.
Doch weit gefehlt, denn trotz klarer Führung und viel Selbstvertrauen im Gepäck ließen sich die Gastgeber das Match noch aus der Hand nehmen. Innerhalb von nur neun Minuten hatten die RheinStars nicht nur aus einem Zehn-Punkte-Rückstand eine Sieben-Zähler Führung (52:45, 22.), sondern auch ihren Übungsleiter Zoran Kukic nach eigenem Bekunden „stolz“ gemacht. „Auch wenn die Saison weit fortgeschritten ist, so darf ich sagen, dass wir uns von Woche zu Woche weiterentwickeln.“
Was die 46ers derzeit nicht von sich behaupten können. „Das größte Manko in dieser Saison ist, dass wir keine Konstanz haben“, redete Robin Benzing Klartext. „Deshalb stehen wir in der Tabelle auch dort, wo wir hingehören.“ Immerhin noch vor den Rheinländern, die in Gießen jedoch locker und unbekümmert agierten, „40 Minuten lang“, so Zoran Kukic, „konzentriert“ auftraten und die Verkrampfung der 46ers gnadenlos bestraften.
Gerade im letzten Viertel, in das die Gastgeber „nur“ mit einem Rückstand von fünf Punkten gingen, lief nicht mehr viel zusammen, so dass der vollendete Tempogegenstoß von Till Gloger nach Traumpass von Simon Krajcovic zum 63:69 (32.) und das Solo des Slowaken zum 67:73 (34.) die einzigen Höhepunkte einer Aufholjagd blieben, zu der Nikola Stanic zwar geblasen hatte, die aber ungehört verhallte. Als Köln sogar mit 87:74 (40.) in Front lag, schien sich eine ähnliche Niederlage wie im Dezember in der Düsseldorfer Ausweichhalle (76:92) anzubahnen, doch machte Adnan Arslanagic mit seinem Dreier zum 77:87-Endstand Sekunden vor Schluss zwar nichts besser, zumindest aber die Pleite ein wenig erträglicher.
„Bitter und ärgerlich“, nannte Jonathan Maier die Abreibung, auf die „wir dann halt nächste Woche in Bremerhaven die passende Antwort finden müssen.“ Nikola Stanic monierte die „schwache Trefferquote in der zweiten Halbzeit“ und dass die RheinStars „ständig viel zu leichte Punkte machen durften.“ Und Robin Benzing grantelte: „Köln liegt uns offensichtlich nicht.“
Der Frust saß also tief bei einem Gießener Team, das jedoch nicht alles falsch gemacht und das bei seinem Auftritt auch positive Erkenntnisse vermittelt hatte. Nämlich beispielsweise jenen, dass der Bosnier Adnan Arslanagic inzwischen mehr als angekommen ist, was seine persönliche 46ers-Bestmarke von 18 Punkten bei drei versenkten Dreiern und keinem Patzer an der Freiwurflinie (fünf von fünf) in seinem achten Match an der Lahn verriet. Nämlich den, dass sich der Kanadier Aiden Warnholtz nach zweimonatiger, verletzungsbedingter Leidenszeit (Hand) auf dem besten Weg befindet, an alte, gute Tage anzuknüpfen. Und auch den, dass Roland Nyama nach drei ausgesetzten Partien wegen Schulterproblemen zumindest defensiv zum ständigen Unruheherd taugte.
„Für uns gilt es nun, nach vorne zu schauen. Noch haben wir die Chance auf Rang sechs, die sollten wir auch nutzen“, hatte „Frenki“ Ignjatovic schon den kommenden Sonntag an der Nordsee vor Augen. Dann will er den harten Stuhl in Reihe zwei gerne wieder gegen einen Stehplatz in Reihe eins tauschen …
Gießen: Norl (7), Warnholtz (10, Arslanagic (18), Castlin (9), Benzing (11), Maier (2), Müsse, Gloger (13), Nyama, Kovacevic, Krajcovic (7).
Köln: Russell (13), Watson (11), Günther (2), Lehmann, Begue (9), Hujic (6), Davis (6), Paige (15), Cuvalo (2), Rohwer (6), Onyejiaka (n.e.), Miller (17).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Daniel Norl, Adnan Arslanagic, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic.
- Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (31:27 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (6).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Viktor Kovacevic (5).
- Unsere höchste Führung: 29:19 (13. Minute).
- Unsere erfolgreichste Serie: 11:0 zum 29:19 (13. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 2404 Zuschauer (ausverkauft) in der Osthalle.
- Unser nächster Auftritt: Sonntag, 26. April (15 Uhr), bei den Eisbären Bremerhaven.


