Von Schwiegersöhnen und Bewerbungen

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An einem ebenso emotionalen wie fröhlichen Abend in der Osthalle verabschieden die GIESSEN 46ers ihre Profis in die Sommerpause

Per E-Mail? Als WhatsApp? Oder oldschool als Brief? Alles Nonsens!  Robin Benzing ergriff die Gelegenheit und redete so drauf los, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Frisch, fromm, fröhlich frei und locker von der Leber weg. Was unter der Schädeldecke drückt, muss über die Lippen ins Freie. „Ich wäre bereit für ein neues Jahr“, wollte der Ex-Internationale nicht lange um den heißen Brei herumreden, als Moderator Simon Schornstein ihn auf sein vermeintliches Karriereende ansprach. „Ich fühle mich fit, ich bin good in shape und vor allem: Ich habe geliefert“, betrieb der 37-Jährige im VIP-Raum der Osthalle Werbung in eigener Sache. 

Die knapp 200 Fans, von denen einige am Montagabend schon knapp eine Stunde vor dem Beginn der offiziellen Verabschiedung der Mannschaft um Einlass begehrten, spendeten ihm ebenso anerkennend wie donnernd Applaus. Wohl wissend: Der 167-fache Nationalspieler stand in allen 43 Pflichtspielen des Altmeisters auf dem Parkett, in 28 Partien lieferte er zweistellig. Altes Eisen fasst sich anders an! 

Die Worte Benzings waren einer der zahlreichen äußerst emotionalen Höhepunkte der rund zweieinhalbstündigen Veranstaltung, bei der sich Profis, Trainer und Verantwortliche des Basketball-Zweitligisten nahbar präsentierten. Alle signierten geduldig Autogrammkarten, Plakate, Trikots, Bälle oder Selbstgebasteltes. In einer Fotobox durften sich die Anhänger mit ihren Lieblingen ablichten lassen. Bei Chili con Carne, Currywurst oder dem einen oder anderen kühlen Pils aus dem Herzen der Natur tauschten sie sich mit ihren Spielern aus. Und die Shirts, Trikots, Hosen, Schals und Pullis aus der vergangenen Saison, die preisgünstig rausgingen, da ab 1. Juli Puma statt Macron die 46ers ausrüsten wird, fanden reißenden Absatz. Kurzum: Nicht nur bei großen Fights in der „Osthölle“, sondern auch vor den großen Ferien, waren Fans und Mannschaft eins. 

Was zwei, die die Mittelhessen definitiv verlassen werden, auch in Worte zu fassen wussten. „Ich hatte drei tolle Jahre hier bei euch“, bedankte sich Center Jonathan Maier, der ins Berufs- und Familienleben wechseln wird, für die grandiose Unterstützung. Und Teammanager Jan Heppner, der künftig auf der Bank eines noch nicht genannten Erstligisten sitzt, sprach mit bebender Stimme davon, dass „Gießen immer in meinem Herzen verankert sein wird.“ Dass beide von Geschäftsführer Guido Heerstraß mit einem Trikot-Sonderdruck ausgestattet wurden, verstand sich von selbst. 

„Ihr hab unserem Verein auch in dieser schwierigen Saison viel Liebe entgegengebracht“, bedankte sich der 59-Jährige bei den so zahlreich erschienen Anhängern. Und er versprach: „Der kaputte Rauchschutzvorhang, das hat mir der Oberbürgermeister versprochen, wird in diesem Sommer endlich ausgetauscht, so dass wieder 3000 Besucher zu unseren Heimspielen kommen können.“ Dass Office und Trainerstab in den kommenden Wochen vor großen Herausforderungen stehen und viel Arbeit vor der Brust haben, ist in der Off-Season normal. Heerstraß: „Uns wird nicht langweilig.“ 

Das bestätigte auch Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic, der im launigen Austausch mit Simon Schornstein die abgelaufene Saison noch einmal Revue passieren ließ. Der Halbfinal-Einzug sei „kein Misserfolg“, er sei über das Ausscheiden aber dennoch „sehr enttäuscht“ und suche „noch immer nach Antworten für die letzten, schwachen Vorstellungen. Wir haben die riesengroße Chance, in die BBL zurückzukehren, leider ausgelassen.“ 

Es sei eine Runde mit „vielen Ups and Downs“ gewesen, „für mich das turbulenteste Jahr in meiner gesamten Karriere.“ Die Niederlage im ersten Heimspiel gegen Hagen habe „uns alle lange verfolgt und Spuren hinterlassen.“ Schließlich gingen die 46ers einst im Oktober mit einer deutlichen Führung in den Schlussabschnitt, ehe sie sich in nur 220 Sekunden einen 0:21-Rund einfingen. 

Der Mann aus Belgrad, der an der Lahn in seine fünfte Spielzeit gehen wird, bedankte sich „für die große Unterstützung der Sponsoren, vor allem bei Christiane Roth, ohne die vieles nicht möglich gewesen wäre.“ Und er schickte auch einen Gruß an den ehemaligen Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, „bei dem ich im Winter nur einmal anzurufen brauchte, und schon war die Rückkehr von Viktor Kovacevic unter Dach und Fach.“ 

Am Ende wurde „Frenki“ Ignjatovic noch einmal sentimental, als er davon sprach, dass „diese tolle Truppe so nie mehr zusammenspielen wird.“ Er sei vom Balkan, da geschehe vieles aus dem Bauch heraus. Was erklärt, dass er sich auch einen seiner Profis durchaus als Schwiegersohn hätte vorstellen können. „Doch ich habe nur einen Sohn und keine Tochter …“

Nicht nur für Robin Benzing galt an diesem teilweise zu Tränen rührenden Abend im VIP-Raum der Osthalle: Was unter der Schädeldecke drückt, muss über die Lippen ins Freie …

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