Fesselnde Einblicke in den Profisport

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Ex-FAZ-Journalist Dag Heydecker spricht im Volksbank-Forum vor 150 Gästen der GIESSEN 46ers über „Die Kunst der intelligenten Führung“.

„Kloppo“? Gemeinsamkeiten mit „Frenki“? Auf den ersten Blick? Nein! Auf den zweiten: Jein! Auf den dritten? Vielleicht! Und auf den vierten? Natürlich! Denn wie sagte Jürgen Klopp einst vor Journalisten beim FSV Mainz 05? „Vom Talent her war ich Landesliga, vom Kopf her Bundesliga, herausgekommen ist die 2. Liga.“ 

Branislav Ignjatovic, Cheftrainer sowie Sportlicher Leiter des Zweitligisten GIESSEN 46ers und am Montagabend einer von rund geladenen 150 Gästen im Forum der Volksbank Mittelhessen, wurde hellhörig. Der 59-jährige Basketballer wollte nicht verhehlen, Parallelen zum 58-jährigen Fußballer ausgemacht zu haben. Parallelen, die der Sport-Journalist Dag Heydecker, der auf Einladung des Altmeisters in den Räumen des durch seine Generalbevollmächtigte Angela Dorn-Rancke vertretenen Geldinstituts mit seinem Impulsvortrag „Die Kunst der intelligenten Führung – was wir von Klopp, Flick & Tuchel lernen können“ die Zuhörer fast eineinhalb Stunden in seinen Bann zog, herstellte.

Heydecker, Keynote Speaker für Teamwork und Leadership, ist wahrscheinlich der Einzige, der mit Jürgen Klopp, Hansi Flick und Thomas Tuchel hautnah zusammengearbeitet hat. Nach mehr als 25 Jahren Management und Personalverantwortung bei Fußball-Proficlubs wie der TSG Hoffenheim und dem FSV Mainz 05 sowie bei den Eishockey-Vereinen Adler Mannheim oder EC Bad Nauheim gibt er seine Erfahrungen inzwischen an Führungskräfte weiter. Von denen sich viele im Volksbank-Forum eingefunden hatten …

„Mich fasziniert, wie erfolgreiche Teams funktionieren, warum manche Gruppen unter Druck über sich hinauswachsen und andere trotz Talent scheitern. Aus dieser Faszination ist meine Idee entstanden: Erkenntnisse aus dem Profibereich zugänglich machen und damit Teams und Organisationen zu stärken“, erzählte der frühere FAZ-Journalist. „Mein Weg durch den Profisport hat mir gezeigt, wie entscheidend Kommunikation, Haltung, Empathie und Vertrauen sind.“ Was Dag Heydecker ebenso anschaulich wie unterhaltsam anhand von sechs Beispielen aus den Sportarten Eishockey und Fußball unterstrich. Beispiele und Begebenheiten, die fesselnder nicht hätten sein können.

Doch der Reihe nach …

  • Beispiel 1, Herb Brooks: Heydecker war live dabei, als dem amerikanischen Eishockey-Team 1980 in Lake Placid die größte Sensation aller Zeiten gelang – der Gewinn der Goldmedaille. Es war der legendäre Trainer Herb Brooks, der damals aus über 600 College-Cracks ein Team formte und den bemerkenswerten Satz sagte: „Ich suche nicht die besten Spieler, ich suche die richtigen Spieler.“ Im sogenannten „Miracle on Ice“ schlugen seine US-Boys die zuvor in 67 Partien ungeschlagene UdSSR mit 4:3, was Brooks später mit „Charakter, Mentalität und Qualität“ begründete. Die sowjetischen Staatsamateure um den legendären Torhüter Wladislaw Tretjak, Verteidiger Wjatscheslaw Fetisow sowie die Stürmer Sergej Makarow und Alexander Malzew, die sich im „Kalten Krieg“ mit der westlichen Welt befanden, waren schlicht nicht heiß genug, um Antworten auf die amerikanische Leidenschaft zu finden.
  • Beispiel 2, Bill Stewart: Als Coach der Adler Mannheim war „Crazy Bill“ jedes Mittel recht. In Partie vier der Finalserie gegen München täuschte er einen Kreislauf-Kollaps vor und ließ sich minutenlang von Sanitätern behandeln. Kurz zuvor waren die Kufen von Jan Alston zu Bruch gegangen, nun hatte der Torjäger Zeit, neue Schlittschuhe einzufahren. Heydecker war dabei, als die Adler zwar die Meisterschaft feierten, aber der Coach genau an diesem Abend des Triumphs sein Team verlor. Der Journalist sprach von „elementaren Fehlern in der Menschenführung.“ Die Mannschaft sei ihm nur noch mit Galgenhumor begegnet. Ein Mannschaftsfoto, von Kapitän Stéphane Richer überreicht, trug unisono das Konterfei des streitbaren und uneinsichtigen Italo-Kanadiers, dem der ehemalige FAZ-Journalist ein „toxisches Verhältnis zum Team“ bescheinigte. Heydecker über Stewart: „Er sagte mal im Training: Hier pfeifen nur zwei, nämlich der Wind und ich.“ 
  • Beispiel 3, Jörn Andersen: Gerade mit den Offenbacher Kickers in die 3. Liga abgestiegen, holte Langzeit-Manager Christian Heidel den Norweger überraschend als Nachfolger des nach Dortmund abgewanderten Jürgen Klopp zum FSV Mainz 05. 2008 stieg er mit den Rheinhessen ins Oberhaus auf. „Danach“, so Heydecker, „wechselte er aber den Berater. Er kümmerte sich plötzlich um vieles, nur nicht mehr richtig ums Team.“ Was Heidel nicht verborgen geblieben war. Fünf Tage vor dem ersten Match gegen Bayer Leverkusen bestellte der mächtige Mann vom Bruchweg Andersen ins Office. Dieser dachte an eine Vertragsverlängerung, wurde aber entlassen. „Ich habe selten jemanden so überrascht schauen sehen wie Jörn“, hat Augen- und Ohrenzeuge Heydecker die Ereignisse noch in bester Erinnerung.
  • Beispiel 4, Thomas Tuchel: Dag Heydecker saß mit am Tisch, als der heutige englische Nationalcoach, den er als „hochintelligenten Kerl, aber schwierigen Charakter“ bezeichnet, in Mainz plötzlich Cheftrainer wurde. Der damalige Coach der U19 wurde von Heidel in Mainz vier Tage vor dem Start der Bundesliga völlig überraschend als Nachfolger des tags zuvor entlassenen Jörn Andersen berufen. Und sorgte in der Folge für gar manches Kuriosum, das Heydecker in der Volksbank zum Besten gibt. „Warum hat Thomas Tuchel als damals jüngster Trainer der Bundesliga nach einem Sieg gegen den FC Bayern einen Auftritt im Aktuellen Sportstudio abgelehnt?“ Heydecker gab die Antwort: „Weil er sagte, dass die Mannschaft gewonnen habe, und nicht er.“ Tuchel habe ungewöhnliche Methoden angewandt. Auch vor jenem legendären 2:1-Erfolg über die Bayern. „Als das Team eine Dreiviertelstunde vor dem Match in die Kabine kam, hatte Tuchel alles abdunkeln lassen.“ Aus dem Al-Pacino-Klassiker „An jedem verdammten Sonntag“ ließ er dreieinhalb Minuten laufen und schickte seine Jungs dann wortlos auf den Rasen. Sie hatten nach den Sequenzen aus dem Football-Klassiker verstanden: Bei diesem Film, der von einem Spiel handelt, ging es eigentlich ums Leben. Um Werte. Um Respekt. Um Teamgeist. Und um eine Gesellschaft, die sich dessen entledigen zu können glaubt. Tuchel hatte demonstriert, dass er von Menschenführung viel versteht. Die Zeit am Bruchweg, ja seine eigene Entwicklung, sollten ihm recht geben.
  • Beispiel 5, Hansi Flick: Mit dem heutigen Coach des FC Barcelona verbindet Dag Heydecker noch immer eine enge Freundschaft. „Wir hatten aufregende und herrliche Zeiten in Hoffenheim“, berichtete der Journalist. Als Co-Trainer von Joachim Löw hatte Flick entscheidenden Anteil am Gewinn der WM 2014. Mit dem FC Bayern gewann er innerhalb kürzester Zeit sechs Titel. Wie hatte er das Starensemble motiviert? Wie formte der „Menschenfreund“ diese Ansammlung von Hochbegabten zu einer Einheit? Wie führte er die Nationalmannschaft? Welche Werte verkörpert und lebt Hansi Flick? Warum ist sein Team in Katar gescheitert? Mit dem FC Barcelona gewann Hansi gleich im ersten Jahr die spanische Meisterschaft und den Pokal. Warum passt Flick genau zu diesem Team? Dag Heydecker gab die passenden Antworten, bei denen das Auditorium an seinen Lippen klebte. Und er verriet die Soft Skills, die den heute 61-Jährigen so erfolgreich gemacht haben: „Empathie, Vertrauen, Zuneigung.“ Hansi Flick forme aus jedem Team eine Familie. „Er kümmert sich!“ Und er habe verinnerlicht: „Never stop learning.“
  • Beispiel 6, Jürgen Klopp: Als 20.000 Menschen am 23. Mai 2008 in Mainz, also genau eine Woche nach dem Saisonende, „Kloppo“ in Richtung Dortmund verabschiedeten, hatte Dag Heydecker Gänsehaut. Wenn er an den Tag zurückdenkt, auch heute noch! „Er war ein Naturtalent und ein Menschenfänger. Er wollte immer gewinnen. Er wurde zweimal Welttrainer des Jahres und gewann mit Liverpool im Jahr 2019 die Champions League.“ Überall, wo er gearbeitet habe, hätte er die Leute elektrisiert, vereinnahmt und begeistert. „Die größte Stärke von Menschen ist es, sich mit welchen zu umgeben, die in bestimmten Gebieten stärker sind als man selbst“, habe er stets versucht, allen Mitarbeitern, vom Profi bis zum Hausmeister, Wertschätzung entgegenzubringen. 

„The normal One“, wie „Kloppo“ sich selbst bei seiner ersten Pressekonferenz an der Anfield Road in Anspielung auf den damaligen Chelsea-Coach Jose Mourinho („The special One“) bezeichnete, hat auch Dag Heydecker geprägt. Authentizität, Empathie, Loyalität, Disziplin, Vertrauen, Haltung, Kompetenz und Begeisterung sind Charaktereigenschaften, die ihn nicht nur bei Jürgen Klopp fasziniert haben. Sondern über die er heute spricht. Denn: „Ob in der Kabine oder im Meetingraum: Die Qualität der Führung beeinflusst jedes Detail im Unternehmen.“

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