(Foto: Laurin Sondermann)

Vom starken Helden zum traurigen Pechvogel

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Ausgerechnet Viktor Kovacevic vergibt bei Niederlage der GIESSEN 46ers die entscheidenden Freiwürfe.

7,8 Sekunden stehen auf der Uhr. 7,8 Sekunden sind noch im letzten Auswärtsspiel der GIESSEN 46ers bei den Eisbären Bremerhaven zu absolvieren. Es steht 68:69 aus Sicht der Mittelhessen in der Begegnung der 2. Basketball-Bundesliga. Und just in diesem Moment wird aus dem Helden in Schwarz der Pechvogel in Schwarz.

Denn der bis dato überragende Viktor Kovacevic schreitet zur Linie. Der Serbe, der mit 17 Punkten zuvor geglänzt hat, verwirft seinen ersten Freiwurf und muss sich den tosenden Jubel der Eisbären-Fans unter den 5312 Zuschauern anhören. Und Kovacevic fällt fast sichtbar in sich zusammen, als er auch seinen zweiten Freiwurf vergibt. Den Rebound angeln sich die Eisbären. Und Elijah Miller zeigt auf der Gegenseite, wie man von der Linie trifft, und stellt den 71:68-Endstand her. „Ja, schade“, ärgert sich kurz darauf Robin Benzing, „dass wir die letzten beiden Freiwürfe vergeben.“ Denn der Kapitän weiß: „Das war heute ein Spiel auf Augenhöhe.“

Ein Spiel auf Augenhöhe, gewiss. Aber mit verschiedenem Augenmaß. In der ersten Halbzeit nämlich hatten nur die 46ers die Augen in der Ausweichhalle in Bremen ganz weit auf. Mit einer exzellenten Defense, in der Kovacevic unterm Korb so ziemlich alles abräumte, was dem Hünen vor die Arme kam, machten die Unistädter die Eisbären so ungefährlich wie die müden Bewohner eines Goldfischglases. Der „AC/DC-Thunder-Schrei“, der beim Einlaufen der Bremerhavener ertönte, verhallte komplett folgenlos im weiten Rund. In dem die Gäste klar den Ton und den spielerischen Rhythmus vorgaben. Diese nahmen den 5:0-Start der Küstenbewohner achselzuckend hin. Schüttelten sich auch beim 11:16 durch Raphael Falkenthals Dreier nur kurz (6:00). Und steuerten mal so ganz nebenbei acht Punkte in Folge zur 19:16-Führung bei. Eine 19:16-Führung, die passenderweise ebenfalls der auf allen Positionen gefährliche Kovacevic markierte. Nach dem ersten Viertel war beim 21:22-Stand ergebnistechnisch alles so unklar wie die Preisgestaltung der großen Benzin-Lieferanten. Doch danach drehte Gießen auf. Danach zeigte die exzellente Verteidigung immer größere Wirkung bei den Norddeutschen. Danach war es natürlich Kovacevic, der auf 31:24 und 33:24 (15:30) erhöhte. Alleine der starke Jemarl Baker und der Ex-Frankfurter Lorenz Brenecke hielten Bremerhaven einigermaßen im Spiel. Kurz vor der Halbzeitpause, als die Gießener Mannen mit 38:30 führten, waren sogar die Gesänge der gut 30 mitgereisten Fans in der Arena zu hören. Denen dankte Robin Benzing mit seinen Punkten zum 40:32-Pausenstand.. Der wiederum nach dem Spiel feststellte: „Wir haben eine starke erste Halbzeit gespielt.“

Den zweiten Abschnitt begannen die 46ers noch energischer. Nach dem Dreier von Kyle Castlin stand es 43:32. Nach Daniel Norls Dreier führten die Gäste gar mit 46:32. Doch das Manko: In der Folge nutzten die 46ers die Schwäche der Gastgeber nicht konsequent genug aus, leisteten sich zu viele Fehlwürfe und hielten den angeschlagenen Favoriten im Spiel. Das rächte sich noch nicht im dritten Viertel, nach dem 45:53 stand. Das rächte sich erst später. Das rächte sich erst, als Floor General Simon Krajcovic müde wurde. Das rächte sich erst, als die Zahl der Turnover bei den Gästen sprunghaft stieg. Verantwortlich für die zunehmende Schwäche seiner Mannschaft machte Branislav Ignjatovic später seine beiden Spielmacher. Der Trainer war mit der Leistung seiner Guards Adnan Arslanagic und Simon Krajcovic nicht einverstanden: „Sie haben dann nicht mehr den Korb attackiert. Spätestens, als Bremerhaven in der Defense switchte, hätten sie das tun müssen.“

Als die Eisbären beim 64:62 führen, tobt dreieinhalb Minuten vor Schluss die Arena. 48,9 Sekunden vor Schluss traf der famose Kovacevic per Dreier zur erneuten 68:67-Führung. Doch ausgerechnet dieser famose Held in Schwarz wurde Sekunden vor Schluss zum Pechvogel in Schwarz, als er die beiden entscheidenden Freiwürfe vergab. Nun ist klar: Bereits vor dem letzten Heimspiel am Samstag gegen Koblenz ist den Gießen 46ers der siebte Tabellenplatz sicher. Und damit eine überaus schwere Aufgabe in den Playoffs.

Bremerhaven: Miller (14), Falkenthal (5), Biss, Samare (6), Zintz, Carter (6), Breitlauch (6), Baker Jr (13), Brenneke (13), Hemschemeier (1), von Senckendorff (7).

Gießen: Norl (9), Warnholtz (8), Arslanagic (1), Castlin (10), Benzing (12), Maier (2), König Figge (2), Gloger (1), Kovacevic (17), Krajcovic (6).

von Karsten Zipp

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