„Wir haben alles reingeworfen“

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GIESSEN 46ers verkaufen sich bei Tabellenführer Phoenix Hagen teuer, müssen sich am Ende aber unglücklich mit 77:82 geschlagen geben.

Natürlich hatten sie eine Krawatte. Natürlich waren sie enttäuscht. Natürlich hatten sie keinen Bock, sich die Humba der Hausherren anzuschauen. Natürlich wollten sie schnell unter die Dusche. Natürlich wollten sie jegliches Wenn und Aber, jeglichen Konjunktiv, jegliche Debatten über verpasste Chancen, ausgelassene Möglichkeiten, über „hätte, hätte Fahrradkette“, möglichst rasch aufarbeiten und vor allem hinter sich lassen. 

Denn schlecht gespielt hatten sie nun wirklich nicht. Unter ihren Möglichkeiten, wie leider so oft in dieser Saison, waren sie kaum geblieben. Sie hatten einen großen Fight geliefert, sie waren mit dem Tabellenführer auf Augenhöhe, sie hatten komplett die Anerkennung für einen Big Fight. „Nur am Ende des Tages“, so Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic, „können wir uns für all das Lob auch nichts kaufen!“ 

Mit 77:82 (42:41) hatten seine GIESSEN 46ers am 29. Spieltag der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA bei Phoenix Hagen verloren, hatten aber gezeigt, „dass wir“, wie es Capitano Robin Benzing später formulierte, „nicht zu unterschätzen sind. Schließlich haben wir Qualität und sind unangenehm zu bespielen. In möglichen Playoffs werden die Karten neu gemischt. Wahrscheinlich möchte niemand unbedingt gegen uns ran.“ Es war ein Statement, das Luis König Figge unterstrich: „Wir haben uns gut verkauft und können stolz auf das Geleistete sein. Unser Auftritt macht Hoffnung für die kommenden Wochen.“

Es war einer, der das Match der beiden Erzrivalen wahrlich zu einem Spitzenspiel werden ließ. Eines, bei dem die Gäste, die abermals auf ihren Top-Schützen Aiden Warnholtz verzichten mussten, analog der Hinrunden-Begegnung 30, 35 Minuten lang das Momentum durchaus auf ihrer Seite hatten, sich am Ende aber durch „Kleinigkeiten“ (Benzing) um den Lohn ihrer Arbeit brachten. 

„Wir haben alles reingeworfen, was wir hatten, und wir haben die Topscorer von Hagen stoppen können“, wusste Luis König Figge, dass seine Mannschaft nicht nur Mitte des dritten Viertels bei eigener 53:45-Führung den Fuß auf dem Gaspedal hatte, am Ende aber konstatieren musste, dass eine Dreierquote von mageren 14 Prozent „in keiner Halle dieser Welt“, so Branislav Ignjatovic, ausreicht, um eine Partie auf die eigene Seite zu ziehen.

Unter den Augen von Ex-NBA-Star Carlos Delfino, der zur Eröffnung eines medizinischen Zentrums nach Hagen gekommen war, verteidigten die 46ers von Beginn an leidenschaftlich. Und sie hatten jene Plays, jene Momente, jene Aktionen, wegen denen sich 150 Anhänger von der Lahn gen Süd-Westfalen aufgemacht hatten, auf ihrer Seite. Als Kyle Castlin mit einem Fade-Away auf 8:5 (3.) stellte, Jonathan Maier halb Hagen bei einem Fehlwurf von Daniel Norl bei Seite schob, um zum 16:9 (7.) zu vollenden, Adnan Arslanagic „from coast to coast“ das 27:26 (12.) markierte, „KC“ erst Bjarne Kraushaar beim 31:28 (14.) frisch machte und dann Ryan Schwieger beim 33:29 (15.) die Kugel mitten durchs Gesicht zog, war Ruhe im Karton. 

„75 Prozent aus der Nahdistanz zu versenken, das war echt Weltklasse“, hatte „Frenki“ Ignjatovic eine erste Halbzeit gesehen, die trotz einer eher mageren Ein-Punkte-Führung aus Gießener Sicht zum Zunge schnalzen war.

Auch zu Beginn des zweiten Abschnitts, den Carlos Delfino, Argentiniens Olympiasieger von 2004, nicht mehr sehen konnte, da er mit seiner Entourage seine Milwaukee Bucks in einem Nebenraum live bei ihrem 95:127 gegen die San Antonio Spurs beobachtete, sah nichts nach einer 46ers-Niederlage an der Volme aus. Luis König Figge narrte den inzwischen eingebürgerten Devin Schmidt beim 44:41 (21.). Kyle Castlin versenkte den ersten Gießener Dreier des Abends zum 47:45 (22.). Viktor Kovacevic schnappte sich einen Rebound und schlängelte sich durch die Phoenix-Reihen wie einst Alberto Tomba zu seinem Slalom-Olympiasieg 1988 in Calgary zum 49:45 (23.). Und Kyle Castlin, der Topscorer des Abends, markierte beim 53:45 (24.) die höchste Führung der Mittelhessen überhaupt. Es schien alles angerichtet für den siebten Sieg im achten Match, doch brachen ein paar unglückliche Entscheidungen, ein paar Unzulänglichkeiten und ein wenig Nervenflattern den 46ers noch das Genick.

Beim schnellen 53:53-Ausgleich (25.) sah sich „Frenki“ Ignjatovic zunächst zu einer Auszeit genötigt. Den Bodenkampf zwischen Daniel Norl und Marvin Omuvwie (55:56, 26.) bewerten die Refs als unsportlich. Statt die Führung beim vermeintlichen 66:65 (32.) zurückzuerobern, verlegte der unglückliche Viktor Kovacevic die Kugel gleich zweimal unter dem Korb, was Ryan Schwieger mit dem Hagener 68:64 bestrafte. Und als der Serbe nach einem 11:2-Lauf der „Feuervögel“ zum zwischenzeitlichen 79:71 (35.) rüde, aber ungeahndet, abgeräumt wurde, hatte sich eine Partie gedreht, die eigentlich schien, als sollten die Gäste sie zu ihren Gunsten entscheiden können. 

Was auch 29 Sekunden vor Schluss beim 75:80 noch möglich war, denn Devin Schmidt bekam gegen Robin Benzing ein „T“ aufgebrummt, Kyle Castlin und der Gefoulte selbst ließen in der Folge jedoch alle drei Freiwürfe liegen. Statt eine halbe Minute vor dem Halali auf zwei Zähler zu verkürzen, stellte der Niederländer Lucas N’Guessan auf 82:77 und besiegelte damit eine Gießener Niederlage, die ihre Ursache an jenem Samstagabend in einer abermals katastrophalen Dreierquote (nur drei Treffer bei 22 Versuchen) und an der Freiwurflinie, an der die Gäste achtmal patzten, hatte.

„Wir waren auf Augenhöhe, wir können alle Mannschaften schlagen“, bilanzierte „Frenki“ Ignjatovic, der sich in Richtung der Verlängerung der Saison jedoch bedeckt hielt. „Natürlich möchte gegen uns keiner in den Playoffs antreten, doch noch sind fünf Partien zu gehen, noch haben wir nichts erreicht. Wir müssen erst einmal in die Playoffs reinkommen, ehe wir uns über andere Dinge unterhalten.“ 

Sprach’s und verschwand im Mannschaftsbus. Mit der zweiten Auswärtsniederlage hintereinander im Gepäck, die analog des Overtime-K.o. in Bayreuth ebenfalls vermeidbar gewesen wäre.

Hagen: Graves, Nawrocki (9), Schwieger (18), Kraushaar (12), Schmidt (9), Bleck (4), Omuvwie (7), von Waaden, N’Guessan (10), Uhlemann (5), Carroll (8).

Gießen: Norl (8), Arslanagic (7), Castlin (19), Benzing (6), Maier (6), König Figge (6), Gloger (5), Nyama (n.e.), Kovacevic (13), Krajcovic (7).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Kyle Castlin, Luis König Figge, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
  • Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (36:18 Minuten).
  • Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (9).
  • Unser erfolgreichster Passgeber: Robin Benzing (4).
  • Unsere höchste Führung: 53:45 (24. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 8:0 zum 53:45 (24. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 3145 Zuschauer in der Hagener Ischelandhalle, davon 150 aus Gießen.
  • Unser nächster Auftritt: Samstag, 4. April (19 Uhr), in der Osthalle gegen die HAKRO Merlins Crailsheim.

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