GIESSEN 46ers geben einen schon sicher geglaubten Erfolg gegen die Crailsheim Merlins bei der 96:97-Niederlage noch spät aus der Hand.
Daniel Norl stand zwei, drei Minuten wie versteinert inmitten der Osthalle. Hände in der Hüfte, das Trikot hochgezogen und es zwischen die Zähne geklemmt. So, als wolle er sich in seinem Leibchen vergraben, in ihm verschwinden, es von sich reißen.
Lange hatte der Shooting Guard ein Klassespiel gezeigt, hatte in nur knapp 19 Minuten seine Saisonbestleistung mit 16 Punkten aufgelegt, hatte Selbstvertrauen gezeigt, bissig verteidigt und immer dann getroffen, wenn es galt. Und dann? Keine 20 Sekunden vor dem Ende? Ballbesitz bei eigener 96:95-Führung? „Ich hab’s vermasselt, ich übernehme die Verantwortung“, stammelte der 31-Jährige ins Livestream-Mikrofon, nachdem er sich hatte die Kugel von Brock Gardner hatte abluchsen lassen. Dass dieser dann zwei Anläufe brauchte, um am 30. Spieltag der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA zum 97:96 (51:58)-Auswärtserfolg der HAKRO Merlins Crailsheim bei den GIESSEN 46ers zu vollenden, passte wie die berühmte Faust aufs Auge zu einem Drama, das 2404 Zuschauer in der ausverkauften Arena zwei Stunden lang in ihren Bann gezogen hatte.
Das auch im dritten Match in Serie den Altmeister als unglücklichen Verlierer sah. Dessen aus Sicht der Gastgeber fatales Ende aber nicht nur Daniel Norl als „tragischem Helden“ des Abends anzukreiden war. „Natürlich werden sich alle an meinen vielleicht spielentscheidenden Patzer erinnern. Aber unter dem Strich haben wir haben verloren, nicht ich allein“, stellte der in Würzburg geborene Deutsch-Amerikaner fest.
Was auch Kapitän Robin Benzing unterstrich: „Ich habe ihm gesagt: Kopf hoch, so ein Missgeschick kann passieren, ein Match wird aber nicht mit einer Szene, mit einem Steal, mit einem Wurf entschieden.“ Sondern auch mit Leidenschaft, Souveränität und Mentalität, die in der Schlussphase klar auf Seiten der Hohenloher war.
Gießen hielt eigentlich alle Trümpfe in der Hand und führte zu Beginn der Schlussabschnitts durch einen Dreier von Adnan Arslanagic sogar mit 83:70 (31.), die Merlins aber gaben sich nie geschlagen, zogen das Momentum immer mehr auf ihre Seite und profitierten schließlich von individuellen Patzern der immer nervöser werdenden 46ers, die diesen schließlich noch den Hals kosteten.
Erst trumpften die Gäste mit einem 9:0-Lauf zum 79:83 (34.) auf, dann verlor Simon Krajcovic den Ball gegen Brock Gardner, der im Gegenzug auf 89:92 (38.) verkürzte. Als der Slowake einen recht leichten Mitteldistanzwurf ausließ, stellte Gianni Otto 85 Sekunden vor Schluss per Dreier auf 92:92. Und als der 46ers-Regisseur 20 Sekunden vor dem Ende des Dramas beim Rebound-Versuch Marvin Ogunsipe unfair wegschob und der Deutsch-Österreicher an die Linie durfte, nahm das Unheil, das Augenblicke später in Daniel Norl und dessen Ballverlust gegen Brock Gardner seinen quälenden Abschluss fand, seinen Lauf. Ins Bild passte auch, dass Anthony Gaines quasi mit der Schlusssirene den Not-Wurf von Kyle Castlin abräumte und den Gästen damit endgültig den zwölften Sieg im 15. Match in der Fremde bescherte.
„Ich bin stolz auf meine Jungs“, befand Merlins-Coach David McCray. „Wir haben bis auf die Anfangsphase sehr konzentriert gespielt und uns deshalb am Ende auch belohnen dürfen.“ Es war ein Ende, das nicht nur Robin Benzing übel aufstieß. „Glückwunsch an Crailsheim. Es war ein sehr physisches Spiel von beiden Seiten mit zwei Mannschaften auf Augenhöhe, wozu allerdings die Leistungen der Schiedsrichter nicht passten. Es kann nicht sein, dass die Merlins 41 Freiwürfe zugesprochen bekommen, es bei uns am Ende 18 weniger sind, wir aber acht Fouls mehr auf dem Konto haben. Da stimmt irgendetwas nicht.“
In die gleiche Kerbe schlug auch 46ers-Coach „Frenki“ Ignjatovic, der sich die Partie „über Ostern erst noch einmal anschauen“ wird, um sich ein abschließendes Urteil zu erlauben, der jedoch Klage darüber führte, „dass unsere beiden besten Schützen in der entscheidenden Phase der Partie nicht mehr dabei sein durften, weil die Refs sie mit fünf Fouls aus dem Spiel genommen hatten.“ In der Tat waren die Demissionen von Viktor Kovacevic und Robin Benzing, die bis dahin mit 18 (Kovacevic, Saison-Bestleistung) und 16 Zählern geglänzt hatten, kleinlich und einer Partie mit Playoff-Charakter nicht würdig.
Dass David McCray später in der Pressekonferenz davon sprach, Gießen sei „deutlich besser als es der siebte Tabellenplatz“ ausdrücke, lag an 32, 33 starken Minuten, in denen die Hausherren das Gaspedal bis zum Bodenblech durchdrückten und dem Rangzweiten jederzeit auf Augenhöhe begegneten. Ohne Roland Nyama (Knieprobleme), dafür aber nach vielen Wochen erstmals wieder mit Aiden Warnholtz, stimmten die Quoten von Downtown (47 Prozent) und an der Freiwurflinie (83 Prozent). Da auch Viktor Kovacevic aus der Nahdistanz fehlerfrei traf, Robin Benzing und Adnan Arslanagic von hinter der 6,75-Meter-Linie Selbstbewusstsein verrieten, Simon Krajcovic mit seinem erste Double-Double dieser Spielzeit aus 13 Punkten und zehn Assists glänzte und Daniel Norl seine nicht nur statistisch beste Vorstellung im 46ers-Trikot ablieferte, sah vieles nach einem vorzeitigen Playoff-Einzug des Altmeisters aus. Zumal – wie erwähnt – zwischenzeitliche 50:40-, 61:51-, 71:62- und 83:70-Führungen stets danach rochen, dass die „Zauberer“ in der Osthalle ihren Zauber längst verloren hatten.
Am Ende aber tat die Ein-Punkt-Niederlage „sehr, sehr weh“, wie „Frenki“ Ignjatovic offen zugab. „Wir haben lange Zeit fast perfekt gespielt, jetzt sind wir aber doch die Dummen.“ Die die Playoffs noch nicht erreicht haben, die aber zeigen konnten, für diese gerüstet zu sein. „Die letzten vier Spiele werden nicht einfach, aber wir bekommen das hin“, versprühte Till Gloger schon wenige Minuten nach dem Drama Optimismus. Und Robin Benzing ergänzte: „Wir brauchen noch den einen oder anderen Sieg, dann gehen wir mit einem guten Gefühl in die Playoffs.“ Ein Gefühl, das sich bei Daniel Norl, mit dem Trikot zwischen den Zähnen, kurz nach dem Match noch nicht so recht breitmachen wollte.
Gießen: Norl (16), Warnholtz, Arslanagic (10), Castlin (10), Benzing (16), Maier (4), König Figge (3), Müsse (n.e.), Gloger (6), Kovacevic (18), Krajcovic (13).
Crailsheim: de Oliveira (12), Gardner (9), Santana (2), Gaines (11), Otto (8), Johnson (17), Regorsek (n.e.), Welp, Isemann (2), Ogunsipe (18), Shahid (14).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
- Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (36:55 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Kyle Castlin (5).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (10).
- Unsere höchste Führung: 83:70 (31. Minute).
- Unsere erfolgreichste Serie: 8:0 zum 41:36 (16. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 2404 Zuschauer in der ausverkauften Osthalle.
- Unser nächster Auftritt: Samstag, 11. April (19 Uhr), bei den VfL SparkassenStars Bochum.


