Eindrücke von einem ganz besonderen Hauptrunden-Abschluss der Gießen 46ers.
Mladen Vujic eilte strahlend aufs Feld. Eine Umarmung mit Kapitän Robin Benzing, der aufs Spielinterview wartete. Und dann schritt der serbische Center weiter. Dorthin, wo vor der Fankurve in der Osthalle seine früheren Mitspieler warteten. Die Jungs der Gießen 46ers, mit denen Vujic noch vergangene Saison auf Korbjagd gegangen war. Die Jungs, die in diesen Minuten gemeinsam mit ihren Anhängern den erfolgreichen Abschluss der Hauptrunde in der 2. Basketball-Bundesliga ProA feierten. Der 88:69 (48:43)-Sieg gegen die Baskets Koblenz wurde schließlich gemeinsam mit Vujic bei der obligatorischen Humba begangen.
Eine große Party in Rot am Samstagabend. Eine große Party in Rot nach einer Begegnung, die doch rechnerisch ungefähr so bedeutsam war wie ein Rätselheft-Sudoku für einen Mathematiker-Kongress. Es ging schließlich um nichts mehr. Um absolut gar nichts mehr für die Endabrechnung in der ProA. Die 46ers saßen bereits zuvor auf Rang sieben fest, der ihnen nun am Donnerstag (19.30 Uhr) die undankbare Playoff-Viertelfinal-Aufgabe in Crailsheim beschert. Und Koblenz hatte sich ebenfalls unrettbar im Niemandsland der Tabelle verlaufen, ohne jede Chance, noch weiterzukommen. Ein Duell um die goldene Ananas. Ein Duell, das allerdings stimmungstechnisch und vom Elan beider Teams her fast schon für eine basketballerische Goldene Palme gut war.
2400 Zuschauer bei einer Partie, die Robin Benzing zuvor als „gute Generalprobe für die Playoffs“ bezeichnet hatte. Und die sein Mannschaftskollege Luis König Figge treffend zum „sehr seriösen Trainingsspiel“ nutzen wollte. 2400 Zuschauer? In einem Trainingsspiel? 2400 Zuschauer, die knapp zwei Stunden lang jubelten, sangen und klatschten, als ginge es um Olympia-Gold? Ein stimmungstechnischer Wahnsinn. Eine beeindruckende Feier in Rot.
Was auch immer den 46ers sportlich, organisatorisch oder finanziell zur Erstklassigkeit fehlen mag: Die Fans sind nicht erstliga-reif. Die Anhänger sind Champions-League-würdig. „Ich“, sagte danach Jonas Niedermanner, „habe nichts als Liebe für diese Fans.“ Jonas? Niedermanner? Richtig! Der Mann trägt das Koblenzer Trikot. Und war nach diesem emotionalen Abend komplett hingerissen von der Stimmung in der Osthalle. Wenn der Gegner ins Schwärmen gerät, kann der eigene Trainer nur lächelnd mit dem Kopf schütteln: „In so einer seltsamen Saison so eine Unterstützung zu bekommen, ist unglaublich“, war Branislav Ignjatovic schier gerührt von all den Emotionen auf den Rängen.
Auf dem Parkett wollten sich die Gastgeber Sicherheit und Selbstvertrauen mit möglichst viel sportlicher Dividende für den Playoff-Start holen. „Es ist natürlich immer schwer“, wusste auch Branislav Ignjatovic, „solche Partien zu spielen, in denen es um nichts mehr geht. Aber wir konnten auch befreit aufspielen, nachdem wir unser Ziel, die Playoffs, erreicht hatten. Ich bin glücklich über die Art und Weise dieses Sieges. Vor allem sind unsere insgesamt 27 Assists, glaube ich, Saisonrekord.“ Aber dabei wollte „Frenki“ die Achterbahnfahrt der Hauptrunde, diese fast schon ungesunden Wechselbäder der Sportgefühle, diese basketballerische Kneipp-Kur für ganz Hartgesottene, nicht schönreden: „Natürlich bin ich insgesamt mit Platz sieben nicht zufrieden. Aber wir hatten nicht nur personelle Probleme, sondern eben auch viele knappe Niederlagen gegen die Spitzenteams.“
Wie auch immer: Von der Leistung eines Spitzenteams war Koblenz am Samstag zwar weit, aber gar nicht mal so weit entfernt. Denn Respekt vor den Gästen. Trotz der wenig wichtigen Ausgangslage warfen die Jungs vom „Deutschen Eck“ alles in die Waagschale. Alles vor allem in Abschnitt eins. „Wir wollten gut spielen. Wir wollten unseren mitgereisten Fans einen Sieg schenken. Und in der ersten Halbzeit haben wir auch richtig gut mitgehalten“, lobte Trainer Stephan Dom seine Mannen. Zwar begannen die 46ers mit zwei Dreiern von Aiden Warnholtz und Robin Benzing fulminant. Demonstrierten also sofort ihre Bereitschaft, für die so dringend notwendige Verbesserung aus der Distanz zu arbeiten.
Doch die Gäste ließen sich erst wenig beeindrucken und dann auch nicht abschütteln. Angeführt von ihren Hauptpunktesammlern Decorian Jeffries und Devonte McCall blieben die Koblenzer sowohl bis zur ersten Viertelpause (24:17) als auch bis zur Halbzeit (48:43) in Reichweite. „Dieses Spiel spiegelt recht gut unsere gesamte Saison wider“, erklärte später 46ers-Fan Niedermanner: „Bis zur Pause haben wir gut mitgehalten. Dann folgt ein Einbruch, von dem wir uns nicht mehr erholen.“ Oder um es anders zu sagen: „Unsere zweite Halbzeit war extrem gut“, sah Ignjatovic nach dem Seitenwechsel sehr konzentrierte Aktionen seiner Mannen.
Und durfte sich vor allem an Tausendsassa Kyle Castlin erfreuen. Den mit Abstand besten Akteur an diesem Abend muss man vermutlich mit der Androhung eines fünfseitigen Strafenkatalogs inklusive Hallen- und Innenstadtverbot dazu zwingen, sich mal auf die Bank zu setzen oder zu schonen. Castlin trumpfte auf, als hätten Wohl, Wehe und die ganze Freiheit der westlichen Welt auf dem Spiel gestanden. Neben ihm zeigte sich aber auch Till Gloger mit einer beherzten Leistung in Playoff-Form ebenso wie der immer stärker werdende Aiden Warnholtz.
So fielen die Roten in den Abschnitten drei (69:55) und vier über die Gäste bis zum 88:69-Endstand her wie eine Horde Teenager übers Grillbuffet. Und ließen ihren Trainer eine nur zwischen den Zeilen deutliche Kampfansage an den nächsten Gegner formulieren: „Wenn in diesen Playoffs jemand etwas zu verlieren hat, dann sind es Hagen und Crailsheim.“
Und über eben diese Crailsheimer, zu denen es am Donnerstag geht, sprachen die 46ers am Samstagabend noch lange mit ihrem früheren Mitspieler Mladen Vujic, der derzeit ja in Frankreich unter Vertrag steht. Ob dabei die Erfolgsformel herausgesprungen ist, wird sich am Donnerstag in Crailsheim (19:30 Uhr) und am kommenden Sonntag (15 Uhr) in der Osthalle zeigen.
Gießen: Norl (4), Warnholtz (11), Arslanagic (1), Castlin (19), Benzing (11), Maier (2), König Figge (9), Müsse (1), Gloger (13), Nyama (5), Kovacevic (4), Krajcovic (8).
Koblenz: Jeffris (13), Larry (8), Buck (9), Wishart (4), Kovacevic 82), Girgin (2), Niedermanner (3), McCall (14), Bacak (4), Sonnefeld, Gaspers, Möller (10).
- Unser nächster Auftritt: Donnerstag, 07. Mai (19:30 Uhr), bei den HAKRO Merlins Crailsheim.


