(Foto: dieLichtBUILDER Klamann & Bauer Fotografie GbR)

Keine Zeit zum Trauern

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Unglückliche 86:88-Niederlage in Crailsheim / Freitag bei Spiel vier in der Osthalle wollen die 46ers den Halbfinal-Einzug perfekt machen.

Robin Benzing ruderte mit den Armen und verstand die Welt nicht mehr. Lange schaute der Capitano ratlos und auch ein wenig bedient in Richtung Adnan Arslanagic, der zum „tragischen Helden“ einer Partie wurde, in der beide – Benzing und Arslanagic – am Ende eigentlich das Zeug dazu hatten, zu „gefeierten Helden“ zu werden. Wenn der 167-fache Internationale doch nur den Ball bekommen hätte. Oder wenn der bosnische Nationalspieler abgezogen hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette … 

In Spiel drei des Playoff-Viertelfinales der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA führten die HAKRO Merlins Crailsheim gegen die GIESSEN 46ers zwölf Sekunden vor dem Ende mit zwei Zählern, doch die Gäste hatten den Ball. Und Arslanagic ihn ganz besonders lieb. Erst warf er nicht, dann band er den um die Kugel förmlich flehenden Benzing, der die Aufholjagd des Altmeisters mit 17 Punkten im Schlussabschnitt fast im Alleingang gemeistert hatte, nicht mit ein. Und als die Uhr immer erbarmungsloser herunterlief, entschied sich „Adi“ für einen Pass zu Kyle Castlin, der jedoch zu einem Zuspiel aus dem Irgendwo ins Nirgendwo wurde.

Das Momentum war eindeutig auf die Seite der 46ers, die zu Beginn der letzten zehn Minuten schon 61:70 (32.) und 70:78 (35.) zurücklagen, gekippt. Doch die Freudentänze im Hexenkessel Stierkampfarena führten schließlich die „Zauberer“, die Partie drei mit 88:86 (43:41) zu ihren Gunsten entschieden hatten, auf. 

Was Gründe hatte, die Jonathan Maier treffend zusammenfasste: „Eine Aufholjagd zu starten, ist immer schön. Wir aber hätten den Deckel schon viel früher drauf-, den Sack schon viel früher zumachen müssen.“ Recht hatte der Center, denn nicht nur in den Schlusssequenzen, sondern schon viel früher trafen die Profis aus Mittelhessen immer mal wieder falsche Entscheidungen oder leisteten sich Ballverluste. Immer dann, wenn ein Vorsprung vorentscheidend hätte ausgebaut werden können. Immer dann, wenn aus einem größeren ein kleinerer Rückstand hätte werden können, lief es nicht. „Statt sie zum Überlegen zu bringen, was in einer solchen Serie äußerst wichtig ist, statt ihnen zu zeigen, dass sie den Sonnenschein nicht mehr sehen, haben wir sie aufgebaut.“ Die Analyse von Jonathan Maier traf so knallhart ins Schwarze wie einst Phil „The Power“ Taylor am Dartboard ins Bullseye.

Unter dem Strich: Die GIESSEN 46ers haben sich in der Rundsporthalle in Ilsenhofen vor den Toren von Crailsheim gut und teuer verkauft. Sie haben sich als krasser Außenseiter der Ausscheidungsrunde einen Matchball an diesem Freitag (20 Uhr) in eigener Osthalle, die einen Geräuschpegel haben wird, der den vom Mittwoch noch einmal übersteigt, verdient. Und sie haben es ganz allein in ihrer Hand, ins Halbfinale einzuziehen. 

„Hat denn ernsthaft jemand geglaubt, wir würden die Merlins mit 3:0 ausschalten?“, fragte Robin Benzing ein wenig ungläubig in die Sporteurope-TV-Mikrofone. „Wir haben erneut einen großen Fight geliefert, wir haben dagegengehalten, wir haben halt nur zwei, drei Fehler zu viel gemacht. Das sollte und das wird uns im vierten Match nicht mehr passieren.“

Ins gleiche Horn blies auch Luis König Figge: „Wir können stolz sein, denn wir haben eine wirklich gute Leistung abgeliefert. Freitag sollten wir allerdings ein paar Dinge besser machen, denn wir wollen weiterkommen.“ Auch Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic hatte „ein gutes Match meiner Jungs“ gesehen, „das wir trotz aller Widrigkeiten stets offengehalten haben. Das Ende war natürlich tragisch, doch wir haben alles noch in der eigenen Hand.“ 

Widrigkeiten? Der Teambus hatte wegen eines Verkehrsunfalls auf der Autobahn im Stau gestanden. Erst gegen 19 Uhr kamen die 46ers in der Arena Hohenlohe, in der sie eigentlich um 17 Uhr eintrudeln wollten, an. Der Sprungball wurde deshalb in Absprache mit den Hausherren und der Liga um eine halbe Stunde nach hinten auf 20 Uhr verschoben. Robin Benzing: „Das war suboptimal. Eine planmäßige Vorbereitung sieht anders aus.“

Dennoch: Nach den beiden deutlichen Siegen (89:77, 89:79) zum Start in die Serie und der auf des Messers Schneide stehenden Partie drei sind die 46ers in den Köpfen der Crailsheim Merlins angekommen. Worüber auch ein abermals schleppender Gießener Start (2:8, 3.) nicht hinwegtäuschen konnte. Als Viktor Kovacevic den ersten Dreier in die Reuse der Hohenloher hämmerte (7:8, 5.), Daniel Norl unter Big Man Marvin Ogunsipe hindurch tauchte und zum 10:11 (5.) ablegte und Adnan Arslanagic per Layup nach Traumpass von Robin Benzing das 17:19 (10.) besorgte, waren die Anfangsminuten vergessen. 

Kyle Castlin düpierte halb Crailsheim und besorgte die erste Gießener Führung (21:19, 11.), Aiden Warnholtz narrte den langen Gabi de Oliveira zum 25:23 (12.), Robin Benzing markierte per Dunk nach einem Zucker-Zuspiel von Viktor Kovacevic über das halbe Feld das 33:28 (15.) und Luis König Figge erhöhte nach Klasse-Pass von Simon Krajcovic sogar auf 39:32 (17.): Alles sah danach aus, als könnten die 46ers dem Geräuschpegel standhalten.

Doch Crailsheim kam auf, hatte das Match per 11:0-Lauf zum 43:39 gedreht und sich seinerseits beim 62:52 (27.), als Adnan Arslanagic erst einen Tempogegenstoß verlegte und sich dann bei einem Wurf vom Perimeter gar einen Airball erlaubte, gar einen komfortablen Vorsprung erarbeitet. Ehe die ganz, ganz großen Minuten des vermeintlich Größten, der je das 46ers-Trikot tragen durfte, anbrachen. 17 Punkte besorgte Robin Benzing im Schlussabschnitt, in dem die Gäste zunächst auf 76:78 (35.) und 22 Sekunden vor Schluss sogar auf 84:85, als der 37-Jährige einen Dreier „vom Parkplatz“, so SportEurope.TV-Kommentator Markus Häffner begeistert, versenkte, verkürzten. 

Der Rest des Dramas um Adnan Arslanagic ist bekannt. Und schnell vergessen. Denn es heißt „nach vorne schauen“, so Luis König Figge. „Und den nächsten Matchball nutzen“, so Robin Benzing.

„In den Playoffs hast du keine Zeit zum Trauern“, wollte auch Jonathan Maier nicht lange zurückschauen. Auch nicht auf jene Entscheidungen der Refs, die erst einem Korb von Kyle Castlin 99 Sekunden vor Schluss die Anerkennung verweigerte und den US-Boy statt zu einem And One nur zu zwei Freiwürfen, von denen er einen auch noch liegen ließ, an die Linie baten. Und die dann auch noch 53 Sekunden vor dem Halali nicht bemerkten, wie Marvin Ogunsipe den Ball mit dem Fuß zu Brock Gardner kickte, der daraufhin per Dreier vorentscheidend zum 85:79 traf. „Das war fatal für uns, ich denke, wir hätten die Partie sonst zu unseren Gunsten entschieden. Es ärgert mich, dass das Match so zu Ende gegangen ist“, grantelte „Frenki“ Ignjatovic, der ansonsten eine Gießener Mannschaft „auf Augenhöhe“ gesehen hatte.

Weil acht versenkte Dreier (40 Prozent) und nur drei ausgelassene Freiwürfe stark waren. Weil Robin Benzing zum 26. Mal in dieser Saison zweistellig ablieferte. Weil Luis König Figge hundertprozentig traf. Weil Simon Krajcovic endlich auftaut. Und weil sich das Rebound-Verhältnis von 27:30 auswärts durchaus sehen lassen kann. Wenn dann auch noch Topscorer Kyle Castlin zu alter Stärke findet und die Osthalle am Freitag „brennt“, dann steht dem Halbfinal-Einzug hoffentlich nichts mehr im Wege …

Crailsheim: Blunt, de Oliveira (10, Stuckey, Gardner (21), Santana, Gaines (10), Otto (13), Johnson (15), Welp, Madlock (13), Ogunsipe (6), Shahid.

Gießen: Norl (7), Warnholtz (4), Arslanagic (11), Castlin (5), Benzing (23), Maier (2), König Figge (7), Müsse (n.e.), Gloger (8), Nyama (n.e.), Kovacevic (7), Krajcovic (12).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
  • Unser ausdauerndster Profi: Adnan Arslanagic (33:34 Minuten).
  • Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (6).
  • Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (4).
  • Unsere höchste Führung: 39:32 (17. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 6:0 zum 19:17 (10. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 2605 Zuschauer in der Arena Hohenlohe, davon 150 aus Gießen.
  • Unser nächster Auftritt: Freitag, 15. Mai (20 Uhr), in der Osthalle gegen die HAKRO Merlins Crailsheim.

Playoff-Viertelfinale (best of five), Spiel drei: Eisbären Bremerhaven – Artland Dragons 117:112 in der Overtime (Stand 3:0), Phoenix Hagen – PS Karlsruhe LIONS 79:70 (Stand 3:0), BG Göttingen – Bozic Estriche Knights Kirchheim 82:89 (Stand 1:2), HAKRO Merlins Crailsheim – GIESSEN 46ers 88:86 (Stand 1:2).

So geht es weiter: Bozic Estriche Knights Kirchheim – BG Göttingen (Donnerstag, 19 Uhr), GIESSEN 46ers – HAKRO Merlins Crailsheim (Freitag, 20 Uhr).

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