Die DNA heißt Bescheidenheit

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Trotz einer 2:0-Führung im Playoff-Viertelfinale der ProA reisen die GIESSEN 46ers am Mittwoch als Außenseiter zu den Merlins Crailsheim.

Wenn die Uhren, wie es Jonathan Maier unlängst formulierte, „auf Null stehen“. Wenn eine ganze Saison, so Capitano Robin Benzing, „quasi von neuem beginnt“. Wenn die Fans in die Halle strömen oder das Team auswärts lautstark begleiten. Wenn die sozialen Kanäle ob der Lobeshymnen auf das eigene Team glühen; dann ist Playoff-Viertelfinale in der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA. Wie 2022/23, als die Dresden Titans per Sweep weggefegt wurden. Wie vergangene Saison, als die Eisbären Bremerhaven beim 3:1 dran glauben mussten. Und wie 2025/26, schließlich führen die GIESSEN 46ers gegen den Hauptrunden-Vize HAKRO Merlins Crailsheim bereits 2:0??? 

„Unsere DNA heißt Bescheidenheit“, warnte Trainer „Frenki“ Ignjatovic am Sonntagnachmittag vor allzu großer Euphorie. 89:77 bei und 89:79 gegen die „Zauberer“ gewonnen zu haben, heiße noch gar nichts. Überhaupt gar nichts. Niente. Nothing. Nada. Oder „ništa“, wie er es in seiner serbischen Heimatsprache sagen würde. 

„Wir sind nach Platz sieben zum Abschluss der regulären Saison nicht der Favorit. Wir müssen demütig bleiben, denn die für mich stärkste Mannschaft der Liga ist weiter zu allem fähig“, so der Mann aus Belgrad weiter. Was der Altmeister jedoch nicht zur Entfaltung kommen lassen und mit einem abermaligen Erfolg in Partie drei am Mittwochabend (19.30 Uhr) in der Arena Hohenzollern sogar ein weiteres lukratives Heimspiel am Freitag (20 Uhr) verhindern möchte. Wohl wissend: 3:0 ist allemal besser als 3:1. Auch wenn es sich in der heimischen Osthalle bestens feiern lässt.

Die beiden Erfolge gegen Crailsheim, das in den letzten 19 regulären Partien seit Weihnachten nur einmal als Verlierer das Parkett verlassen mussten, trugen eindeutig die Handschrift einer stabilen, einer furchtlosen, einer hart zupackenden Defense. „Crailsheim zweimal unter 80 Punkte zu halten, war schon grandios“, wusste Robin Benzing nur zu gut, dass die Truppe des scheidenden Cheftrainers David McCray im Normalfall rund 90 Zähler aufzulegen pflegt.

Dass der neue Sportliche Leiter der MHP RIESEN Ludwigsburg dabei nicht gut auf die Refs zu sprechen war und kritisierte, dass nicht so viel gepfiffen werden dürfe, „sondern Männer auch Männer-Basketball spielen müssten“, stieß „Frenki“ Ignjatovic auf wie ein Dill-Happen, den er sich nach einer Currywurst und einem Mars-Riegel noch gegönnt hatte. „Wir haben verdient gewonnen, Schluss, Aus, Ende.“ Nun an den Schiedsrichtern herumzumäkeln, verbiete sich. „Sie haben nur ihren Job gemacht.“ Und eben das physische Auftreten der Merlins, für das sie ligaweit teils gefürchtet, teils aber auch geachtet werden, regelkonform unterbunden. 

Dass sowohl am Donnerstag (32:21) als auch am Sonntag (37:33) den 46ers mehr Freiwürfe zuerkannt wurden als den „Zauberern“, war Fakt. Ebenso wie die 41 (gegenüber nur 23 für Gießen), die die Unparteiischen Anfang April beim 97:96-Sieg von Crailsheim in der Osthalle aussprachen. Was aber schon mal in Vergessenheit geraten kann …

Nun denn: Am Mittwoch in der Arena Hohenlohe steigt Endspiel eins von möglichen dreien für die Mittelhessen, die gewappnet sind. Weil Daniel Norl mit seinen 18 Punkten und eben diesem persönlichen Saison-Highlight zeigte, warum er nach Gießen gekommen ist. Weil Aiden Warnholtz endlich der x-Faktor ist, den er seit seinem Wechsel aus Frankfurt nie sein konnte, da ihn ständig Verletzungen zurückwarfen. Weil Go-to-Guy Adnan Arslanagic und der überall präsente Viktor Kovacevic die Nachverpflichtungen waren, nach denen sich eine ganze Stadt so sehr gesehnt hat. Weil Kyle Castlin nicht noch einmal „nur“ vier Zähler auflegen wird. Weil Robin Benzing gerne zum 26. Mal in dieser Spielzeit zweistellig scoren möchte. Weil Jonathan Maier auf seiner Abschiedstournee viel Freude ausstrahlt, sich mit den Crailsheimer Kanten wie Marvin Ogunsipe, Brock Gardner und Gabriel de Oliveira zu messen. Weil Luis König Figge alles tut, um das französische Kammerspiel „Le Dieu du Carnage“, „Der Gott des Gemetzels“, aufs Parkett zu übertragen. Weil Till Gloger mit seiner Präsenz unter den Brettern zeigt, warum er auch nächstes Jahr das Gießener Leibchen tragen wird. Und weil Simon Krajcovic doch viel wertvoller für die Mannschaft ist, als es viele Nörgler in dieser Saison wahrhaben wollten. 

Da auch die zuletzt beschäftigungslosen Roland Nyama und Kai Müsse jederzeit in der Lage sind, Input zu liefern, können die 46ers selbstbewusst in Spiel drei des Playoff-Viertelfinales gehen. Auch wenn die Gießener-DNA Bescheidenheit heißt …

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