Achterbahn der Gefühle

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46ers holen einen 21-Punkte-Rückstand gegen Kirchheim fast noch auf, können die BBL-Rückkehr nach der 85:89-Niederlage aber begraben

Luis König Figge lag noch lange rücklings auf dem Parkett unter dem Korb, ehe ihm Daniel Norl auf die Beine half. Viktor Kovacevic vergrub sein Gesicht unter einem Handtuch. Und Robin Benzing sowie Roland Nyama holten sich Zuspruch von Familienmitgliedern, die auf der Tribüne warteten: Nach einer, wie es Till Gloger nicht hätte treffender formulieren können, „Achterbahnfahrt der Gefühle“, die der Center ausdrücklich nicht nur auf die Crunchtime der Saison bezog, verabschieden sich die GIESSEN 46ers (unfreiwillig) in die Sommerferien.

Genau vier Wochen vor den rund 820.000 Schülerinnen und Schüler sowie 67.000 Lehrkräften in Hessen. Und doch neun Tage früher, als sie es nach Sieg eins im Playoff-Halbfinale noch für möglich gehalten hatten. Die 85:89 (39:48)-Niederlage am Freitagabend in der abermals ausverkauften Osthalle gegen die Bozic Estriche Knights Kirchheim bedeutete für den Altmeister die dritte Niederlage in Serie und damit das Verpassen der beiden (relativ bedeutungslosen) Finals in der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA, deren Erreichen die BBL-Rückkehr bedeutet hätten.

Nach drei Halbfinals und einem Viertelfinale unter seiner Regie wollte Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic zwar keineswegs von einer enttäuschenden Saison reden, „schließlich hat niemand aus dem Establishment des Unterhauses eine solch gute Bilanz vorzuweisen.“ Doch ein gerütteltes Maß an Frust wollte der 59-Jährige nicht verbergen: „Wir waren dicht dran an unserem großen Ziel, der Bundesliga-Rückkehr. Ich bin zwar stolz auf meine Mannschaft, was sie am Ende noch erreicht hat, doch heute überwiegt natürlich bei mir die Enttäuschung.“

Die nicht nur bei ihm, bei den Fans, im Staff, ja in der ganzen Stadt, sondern natürlich auch bei den Profis überwog. „Ich hätte mich natürlich lieber mit dem Aufstieg verabschiedet“, blickte Center Jonathan Maier zurück. „Ich muss Kirchheim großen Respekt zollen. Sie waren top eingestellt, sie haben uns beherrscht.“ Und der 33-Jährige, der seine 15 Jahre dauernde Karriere beenden wird, ergänzte: „Irgendwie fühlt sich das alles komisch an. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erlebt und erreicht habe, heute aber überwiegt die Enttäuschung. Gottseidank waren viele Freunde und Familienmitglieder heute da.“

Auf einen großen privaten Rückhalt baut auch stets Robin Benzing, der wie immer Positives als auch Negatives gesehen hatte: „Kirchheim hat uns absolut verdient ausgeschaltet, da brauchen wir nicht drumherum zu reden. Wir waren in den Partien zwei, drei und vier schlicht die schlechtere Mannschaft. Dass wir mit dem Hauptrunden-Zweiten Crailsheim einen der Aufstiegsfavoriten ausgeschaltet haben, war am Ende des Tages für uns wahrscheinlich nicht hilfreich. Ich denke, einige von uns hatten schon im Kopf, dass uns niemand mehr aufhalten kann. Dem war allerdings nicht so.“

Auch Till Gloger, zusammen mit Nachwuchs-Center Kai Müsse einer von zwei 46ers-Akteuren mit einem gültigen Vertrag für die kommende ProA-Saison, schätzte die Situation ähnlich ein: „Vielleicht waren wir uns vor dem Halbfinale ein wenig zu sicher. Kirchheim hat uns dann aber unsere Grenzen aufgezeigt. Dass der Aufstieg nicht funktioniert hat, ist sehr, sehr schade.“

In den abschließenden drei Partien gegen die „Ritter“ hatten die 46ers ihn aber auch nicht verdient, denn in den letzten 120 Minuten hatte Kirchheim eindeutig den Fuß auf dem Gaspedal. Nur in sechs, acht Minuten des Schlussviertels von Begegnung vier, als Gießen mit dem Mute der Verzweiflung versuchte, einen zwischenzeitlich bis auf 21 Punkte angewachsenen Rückstand nicht nur zu verkürzen, sondern ihn eventuell sogar so zu drehen, so dass am Sonntag im Südosten Stuttgarts ein Endspiel gewartet hätte, verteidigten und trafen Ignjatovics Profis so, wie sie es in der Runde der letzten Acht gegen Crailsheim bereits praktiziert hatten.

Mit „M, M, MTV“-Sprechchören peitschten die Anhänger ihre 46ers nach vorne, als ein Dreier von Luis König Figge sechs Minuten vor dem Abpfiff zum 64:76 sein Ziel fand. Aiden Warnholtz, der sich im 43. Pflichtspiel dieser Runde zu seiner persönlichen Bestmarke von 21 Zählern aufschwang, stellte mit drei Freiwürfen zunächst auf 67:76 (35.) und aus dem Nirgendwo auf 75:80 (37.), so dass besonders die Stehtribüne eskalierte. Als dann Luis König Figge per Hechtsprung die Kugel rettete, Gäste-Trainer Igor Perovic sich ein Technisches Foul wegen Reklamierens einhandelte und Gäste-Center Nicolas Bretzel zweimal vom Punkt die Nerven versagten, schien eine Sensation im Bereich des Möglichen.

Doch ein schlimmer Fehlpass von Daniel Norl, den der wiedergenesene Chuck Harris 13 Sekunden vor der Schlusssirene mit drei erfolgreichen Freiwürfen zum 88:82 beantwortete, ließ jegliche Euphorie erstarben. Als Aiden Warnholtz eine Sekunde vor Schluss von der Mittellinie zum 85:88 traf, war die Messe schon gelesen und Phil Russell, mit Tylan Pope in allen vier Partie der überragende Kirchheimer Akteur, machte per Freiwurf zum 89:85-Endstand den Deckel drauf.

Knackpunkt der Partie war der Start in Halbzeit zwei, in die die Gäste mit einer Neun-Punkte-Führung gingen. Statt eine Aufholjagd zu starten versagten den Mittelhessen allerdings die Nerven. Über sechs Minuten brachten sie keinen Punkt zustande, nach acht Minuten hatten sie noch immer keinen Feldkorb markiert. Stattdessen: Haarsträubende Ballverluste, Fehlpässe und Technische Fehler, die beim 43:64-Zwischenstand (28.) eigentlich schon das Aus zu bedeuten schienen. „Angst essen Seele auf“ nannte Rainer Werner Fassbinder in den 70er-Jahren sein Melodram von Weltruhm. Das Stück des Kult-Regisseurs fand am Freitagabend auf der Großen Bühne Osthalle seine Wiederaufnahme.

Kein Feldkorb des Vorrunden-Kanoniers Kyle Castlin, null Treffer bei acht Versuchen von Floor-General Simon Krajcovic, nur 20, 33 beziehungsweise 40 Prozent aus dem Feld von Robin Benzing, Adnan Arslanagic und Daniel Norl und ein verlorenes Rebound-Duell bedeuteten für Gießen am Ende das vorzeitige Saisonende, das Branislav Ignjatovic – trotz allem – Gänsehaut bescherte: „Wir haben die geilsten Fans der Liga. Selbst als wir mit 20 Punkten zurücklagen, haben sie uns nach vorne gepeitscht. So etwas habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt.“

Gänsehaut hatte auch sein Freund Igor Perovic, der von einer „großartigen Leistung“ meiner Mannschaft sprach. „Stolzer zu sein als ich, das geht überhaupt nicht.“

Es waren Worte, die „Frenki“ Ignjatovic nach Till Glogers „Achterbahn der Gefühle“ überhaupt nicht schmeckten …

Gießen: Norl (7), Warnholtz (21), Arslanagic (6), Castlin (4), Benzing (6), Maier (7), König Figge (6), Müsse (n.e.), Gloger (6), Nyama, Kovacevic (18), Krajcovic (4).

Kirchheim: Russell (16), Harris (14), Aydinoglu (5), Mayer (7), Pope (21), Zerner (n.e.), Morgan (8), Spinoso (3), Failenschmid, Jung (4), Bretzel (11).

UND SONST NOCH …
• Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Jonathan Maier, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
• Unser ausdauerndster Profi: Viktor Kovacevic (27:48 Minuten).
• Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (5).
• Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (7).
• Unsere höchste Führung: 5:0 (2. Minute).
• Unsere erfolgreichste Serie: 8:0 zum 67:76 (35. Minute).
• Unsere emotionalen Beobachter: 2404 Zuschauer in der ausverkauften Osthalle.
• Unser nächster Auftritt: im Herbst.

Playoff-Halbfinale (best of five), Spiel vier: Eisbären Bremerhaven – Phoenix Hagen 85:75 (Stand 2:2), GIESSEN 46ers – Bozic Estriche Knights Kirchheim 85:89 (Stand 1:3).

So geht es weiter: Phoenix Hagen – Eisbären Bremerhaven (Samstag, 19.30 Uhr).

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