Robin Benzing nimmt nach der 63:91-Packung der 46ers bei den Kirchheim Knights im dritten Playoff-Halbfinale kein Blatt vor dem Mund.
Schon einige Minuten vor Spielende setzte sich „Frenki“ Ignjatovic auf einen Schemel und vergrub sein Gesicht hinter seinen mächtigen Pranken. Nicht zum Hinschauen! Was sich vor ihm auf dem Parkett der Sporthalle Stadtmitte abgespielt hatte, raubte ihm den Nerv. „Ich kann mich nur bei unseren mitgereisten Anhängern entschuldigen“, gab sich der Cheftrainer der GIESSEN 46ers später in der Pressekonferenz demütig. „Am Freitag, das kann ich versprechen, werden wir nochmal alles geben, denn wir wollen in jedem Fall am Sonntag wieder hier spielen.“
Ausgerechnet in der Crunchtime der Saison, im Playoff-Halbfinale, in jenen Partien also, in denen seine Jungs die Tür zum Oberhaus eine Woche zuvor schon einen Spalt geöffnet hatten und die sie nun endgültig weit aufstoßen wollten, versagten ihnen die Nerven. 63:91 (35:56) in Match drei bei den Bozic Estriche Knights Kirchheim, damit im Best-of-five-Vergleich ein 1:2-Rückstand (nach 1:0-Führung) – und vor allem die Gewissheit: Entweder beginnen am Samstag die Sommerferien. Oder aber am Sonntag steigt das Finale in jenem mühsamen Ringen, vier Jahre der Unterklassigkeit endlich vergessen lassen zu können.
Wofür allerdings ein Auftritt nötig sein wird, der nichts, aber auch rein gar nichts mit jenem vom Dienstagabend zu tun haben darf. „Momentan fehlt mir noch die Vorstellung, wie wir nach zwei so schlimmen Vorstellungen wieder in die Spur finden sollen. Allerdings hat mich meine sehr erfahrene Mannschaft in dieser Saison des Öfteren, wenn nicht viel lief, eines Besseren belehrt und ist über sich hinausgewachsen“, wollte der 59-Jährige die Flinte noch lange nicht ins Korn werfen. Wenngleich der Deutsch-Serbe weiß, dass die 46ers in den letzten 80 Minuten gegen sein Ex-Team nicht einmal in Führung gelegen haben. Weder beim 75:91 am Samstag in der Osthalle noch bei der bitteren 28-Punkte-Abreibung im Brutkasten unter Teck.
Dass das Frustlevel bei allen Beteiligten schon ab dem ersten Viertel, in dem der Altmeister nach dem zwischenzeitlichen 7:7-Ausgleich (3.) durch Kyle Castlin schnell den Anschluss verpasst und deftig mit 7:18 (6.), 12:27 (9.) und schließlich zur ersten Pause mit minus 18 (13:31) zurückgelegen hatte, hoch lag, war nicht zu übersehen. Mal handelte sich Branislav Ignjatovic ob seiner Reklamationen nach einem schweren, aber nicht geahndeten Foul an Daniel Norl ein Technisches Foul ein. Mal bewegte Simon Krajcovic den Ball nach vorne, fand aber keinen Abnehmer und diskutierte lautstark und erregt mit seinen Nebenleuten.
Mal produzierte Viktor Kovacevic einen unmotivierten Airball, ehe er sich in Kunststücken versuchte, statt die Kugel sicher zu passen. Mal ließen die Gäste Phil Russell und Co. gewähren, als stehe eine Trainingseinheit in der Vorbereitungszeit auf dem Programm. Und als „Krönung“ machten die Fans ihrem Unmut (nicht nur über die Refs, sondern auch über das eigene Team) mit dem unsachgemäßen Verteilen schwäbischen Gerstensaftes Luft, so dass der Hallensprecher in Absprache mit dem Kommissar drohte, den Fanblock im Wiederholungsfall räumen zu lassen.
„Wir waren zu 1000 Prozent schlechter als Kirchheim, die haben uns regelrecht abgeschlachtet“, wollte Kapitän Robin Benzing nach jenem Abend, an dem seine Mannschaft den zweitschlechtesten Score nach der Heimniederlage gegen die BG Göttingen (61:83) am Tag vor Weihnachten aufgelegt hatte, nichts schönreden. „In der Verteidigung und auch offensiv haben wir nichts auf die Reihe bekommen.“ Dennoch blickte der 167-fache Internationale positiv auf Partie vier. „Das Gute ist, dass die Höhe der Niederlage scheißegal ist. Es steht nur 1:2, wir haben noch alles in unseren Händen, wir müssen aber in den kommenden beiden Partien deutlich besser auftreten.“
Auch Big-Man-Kollege Jonathan Maier war relativ ratlos ob des blutleeren Auftritts der 46ers: „Egal, was wir auch versucht haben, Kirchheim war gefühlt schon da“, nahm der Center eine Anleihe aus dem Brüder-Grimm-Schwank, in dem ein siegesgewisser Hase ein Wettrennen mit einem Igel verliert, weil dieser am Ende der Ackerfurche seine ihm ähnlich sehende Frau platziert hatte („Ich bin schon da!“). Maier weiter: „Wir sind komplett gegen eine Wand gelaufen, nichts hat funktioniert, so ist unser Frust immer mehr gewachsen.“
Und mit ihm der Rückstand. Nach zwölf Minuten hatte sich Gießen schon acht Ballverluste erlaubt, nach 16 Minuten und einer Auszeit von „Frenki“ Ignjatovic betrug der Rückstand bereits 25 Zähler (22:47). Als Daniel Norl einen Coast-to-Coast-Spurt mit dem 31:52 (17.) und einem 9:2-Run abschloss, hatten die 46ers ihrem Abwärtstrend in der 42.000-Einwohner-Stadt im Südosten Stuttgarts zwar nicht aufhalten, aber ein wenig verlangsamen können.
Und als Robin Benzing zwei Dreier zum 52:67 (26.) versenkte, keimte sogar wieder Hoffnung auf. Doch als zu Beginn des Schlussabschnitts Gießen bei einem 52:72-Rückstand statt einer Aufholjagd ein Ballverlust-Festival produzierte, viereinhalb Minuten nichts zustande bekam und Kirchheim gar auf 88:55 (35.) stellen durfte, war die Messe gelesen.
17 Ballverluste, 27 vergebene Schüsse von jenseits der 6,75-Meter-Linie, nur 14 Assists, was bei mageren 63 eigenen Punkten nicht verwundert, nicht einmal 50 Prozent aus der Nahdistanz sowie katastrophale Trefferquoten des sonst so beständigen Schützen wie Daniel Norl (drei von elf), Kyle Castlin (zwei von elf), Robin Benzing (drei von elf), Luis König Figge (null von sechs) und Simon Krajcovic (zwei von sechs), der es obendrein nicht einmal aus der Nahdistanz versucht hatte, brachen Gießen schließlich das Genick. Und dies gegen eine Knights-Truppe, die ohne Tyrel Morgan und Chuck Harris auf eine Acht-Mann-Rotation setzen musste.
„Wir zeigen in der wichtigsten Phase der Saison unseren besten Basketball“, frohlockte „Ritter“-Übungsleiter Igor Perovic. Es waren Worte, die seinem Freund aus alten Belgrader Tagen, Branislav Ignjatovic, im Halse stecken blieben. Denn seine Männer zeigten ausgerechnet in der wichtigsten Phase der Saison ihren schlechtesten Basketball. Wohlwissend, dass sie Luft nach oben haben. Viel Luft nach oben. „Sonst ist die Saison schneller vorbei, als wir alle es wollen“, so Robin Benzing.
Kirchheim: Russell (21), Schwanenberg, Aydinoglu (3), Mayer (25), Pope (12), Zerner (n.e.), Spinoso (7), Failenschmid, Jung (11), Bretzel (12).
Gießen: Norl (7), Warnholtz (3), Arslanagic (4), Castlin (4), Benzing (10), Maier (7), König Figge (1), Müsse (4), Gloger (6), Nyama (n.e.), Kovacevic (11), Krajcovic (6).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
- Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (34:12 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Daniel Norl (8).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (9).
- Unsere höchste Führung: keine.
- Unsere erfolgreichste Serie: 9:2 zum 31:52 (17. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 1272 Zuschauer in der Sporthalle Stadtmitte in Kirchheim, davon 100 aus Gießen.
- Unser nächster Auftritt: Freitag, 29. Mai (20 Uhr), in der Osthalle gegen die Bozic Estriche Knights Kirchheim.
Playoff-Halbfinale (best of five), Spiel drei: Phoenix Hagen – Eisbären Bremerhaven 83:78 (Stand 2:1), Bozic Estriche Knights Kirchheim – GIESSEN 46ers 91:63 (Stand 2:1).
So geht es weiter: Eisbären Bremerhaven – Phoenix Hagen (Donnerstag, 19 Uhr), GIESSEN 46ers – Bozic Estriche Knights Kirchheim (Freitag, 20 Uhr).


