Die „Cinderella-Story“ geht weiter

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Die GIESSEN 46ers bleiben im Flow und holen sich im Playoff-Halbfinale durch den 90:77-Sieg in Kirchheim erneut das Heimrecht zurück.

Irgendetwas zu meckern gibt’s immer. Die Nudel seien doch recht scharf, grantelte Assistenztrainer Nikola Stanic, als ihm die Pasta arabiata die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Und Chefcoach „Frenki“ Ignjatovic kaute gelangweilt auf seiner Pizza herum. „Da hatten wir auch schon bessere“, ließ er im Mannschaftsbus den für die Verköstigung zuständigen, aber ob der Qualität der italienischen Leckereien nun wirklich unverdächtigen Teammanager Jan Heppner wissen. 

Ansonsten: Friede, Freude, Eierkuchen. Und ein zu „Nachts, wenn alles schläft“ von Schlagerbarde Howard Carpendale ausgelassen unter seinen mächtigen Kopfhörern schmetternder Cheftrainer, den seine Jungs selten so hatten aus sich herausgehen sehen. Während der Matches schon, hernach kaum. 

Die Lockerheit hatte Gründe, denn die GIESSEN 46ers pflügen als Hauptrunden-Siebter der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA weiter durch die Playoffs wie die Münchner Bayern durch die Fußball-Bundesliga. Erst ein 3:1 im Best-of-five-Viertelfinale gegen den Hauptrunden-Zweiten HAKRO Merlins Crailsheim, nun ein 90:77 (45:43)-Auftakterfolg im Halbfinale bei den Bozic Estriche Knights Kirchheim, „in deren Stadthalle eine Gießener Mannschaft bis Mittwochabend noch nie gewonnen hat“, wie Branislav Ignjatovic auf der Pressekonferenz nicht ohne Stolz erklärte. 

Stolz, weil der 59-Jährige an alter Wirkungsstätte endlich einmal hatte jubeln dürfen. Stolz, weil sich seine Mannschaft wie auch schon eine Runde zuvor und wie auch im Vorjahr zunächst in Bremerhaven und dann auch in Jena das durch die nicht optimale Platzierung nach den ersten 34 Partien verpasste Heimrecht zurückerobert hatte. Stolz vor allem aber auch, weil der Altmeister „bis auf drei, vier Minuten vor der Pause“, so Capitano Robin Benzing, die Partie dominiert, das Gaspedal bis zum Bodenblech durchgetreten hatte und eigentlich nie einen Zweifel daran aufkommen ließ, wer als Sieger die kleinste Arena der Liga würde verlassen können. 

Dennoch hielten die Protagonisten den Ball wohlweißlich ob ihrer Erfahrungen aus dem Mai 2025 flach. Der wieder einmal überragende Daniel Norl sprach zwar am Ende von einer „großen Show“, Robin Benzing jedoch gab zu bedenken: „Erst wenn wir am Samstag zu Hause nachlegen können, ist der Erfolg in Spiel eins etwas wert.“ Auch Luis König Figge wusste: „Wir haben noch nichts erreicht, es war nur der erste von drei Schritten.“ Der, so „Frenki“ Ignjatovic, „am Samstag eine Bestätigung braucht.“ 

Dass die vom 59-Jährigen in Anlehnung an das Märchen Aschenputtel erwähnte „Cinderella-Story“ von der unerwarteten Erfolgsgeschichte, vom kometenhaften Aufstieg, seine Fortsetzung findet, hatten die 46ers abermals einer bärenstarken Defensivleistung, ihrer Überlegenheit unter beiden Brettern, vor allem aber ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit zu verdanken, die zum richtigen Zeitpunkt in dieser Saison zum Tragen kommt. Jeder springt für jeden ein, wer einmal nicht zum Zuge kommt, wer einmal nicht wie erwartet performt, wird eins zu eins ersetzt. Berechenbar bleibt für die Konkurrenz nur die Gießener Unberechenbarkeit. 

Sechs Profis punkteten zweistellig. 16 mehr eingesammelte Rebounds sprachen eindeutig für die lange 46ers-Garde. 24 Treffer bei 35 Würfen aus der Nahdistanz konnten sich sehen lassen. Und die Wurfquoten des tadellosen Till Gloger (100 Prozent), des wieder einmal bockstarken Daniel Norl (75) und die von Jonathan Maier und Viktor Kovacevic (67) konnten sich sehen lassen. Da fiel es kaum ins Gewicht, dass Luis König Figge kaum Anteile hatte, Adnan Arslanagic nicht wie gewohnt Regie führen konnte und Robin Benzing ebenso umstritten wie früh mit fünf Fouls zum Zuschauen verurteilt wurde. 

Denn die Hingucker, die Gänsehaut-Momente, die Szenen zum Zunge schnalzen, die auch die unter den Zuschauern weilenden John Patrick (Ex-Coach der RIESEN Ludwigsburg), Tübingens Neu-Trainer Felix Banobre sowie der vergangenes Jahr aus der Teck-Stadt ans lukrativere College nach Virginia und schließlich nach North Carolina gewechselte Antonio Dorn mitansehen durften, die gehörten eindeutig zum Gießener Repertoire. 

Wie gleich zu Spielbeginn, als Viktor Kovacevic einen Run from Coast to Coast per Dunk zum 9:7 (4.) vollendete, ehe der Serbe den langen Nico Bretzel beim 11:9 eine Minute später eindrehte. Wie beim 33:23 (12.), als Jonathan Maier mit viel Körpereinsatz Nick Spinoso aus dem Weg beförderte. Wie beim 38:24 (14.), als Aiden Warnholtz einen Dreier aus dem Nirwana einschweben ließ und die lautstarken Gießener Anhänger schon von der „Europa League“ sangen. Und wie beim 74:64 zum Start in Abschnitt vier, als Jonathan Maier einen Fehlwurf von Aiden Warnholtz doch noch in der Kirchheimer Reuse versteckte. 

„Glückwunsch an Gießen. Sie haben verdient gewonnen. Wir haben keine gute Leistung gezeigt und müssen viel energischer auftreten. Sonst ist die Serie relativ schnell vorbei,“ zog „Ritter“-Übungsleiter Igor Perovic eine relativ ernüchternde Bilanz nach dem ersten Halbfinal-Auftritt seiner Jungs. Gegen eine Gießener Mannschaft, die laut Robin Benzing ihren „Stiefel routiniert heruntergespielt“ hatte. So dass es für „Frenki“ Ignjatovic und Nikola Stanic nichts zu meckern gab. Mal abgesehen von der Qualität von Pizza und Pasta. BASTA!

Kirchheim: Russell (6), Schwanenberg, Harris (12), Aydinoglu (5), Mayer (8), Pope (12), Zerner, Morgan (15), Spinoso (2), Failenschmid, Jung (8), Bretzel (9).

Gießen: Norl (16), Warnholtz (12), Arslanagic (4), Castlin (13), Benzing (6), Maier (6), König Figge (1), Müsse (n.e.), Gloger (12), Nyama, Kovacevic (10), Krajcovic (10).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
  • Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (28:50 Minuten).
  • Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (7).
  • Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (4).
  • Unsere höchste Führung: 90:75 (40. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 8:0 zum 17:9 (5. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 1300 Zuschauer in der Sporthalle Stadtmitte in Kirchheim, davon 120 aus Gießen.
  • Unser nächster Auftritt: Samstag, 23. Mai (19 Uhr), in der Osthalle gegen die Bozic Estriche Knights Kirchheim.

Playoff-Halbfinale (best of five), Spiel eins: Phoenix Hagen – Eisbären Bremerhaven 85:80, Bozic Estriche Knights Kirchheim – GIESSEN 46ers 77:90.

So geht es weiter: Eisbären Bremerhaven – Phoenix Hagen (Samstag, 18 Uhr), GIESSEN 46ers – Bozic Estriche Knights Kirchheim (Samstag, 19 Uhr).

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