Die Halle bebt, das Sakko fliegt

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Mit einem überragenden 87:70-Erfolg über die Merlins Crailsheim ziehen die GIESSEN 46ers ins Playoff-Halbfinale gegen Kirchheim ein.

Am Ende brach sich die Ausgelassenheit Bahn. Daniel Norl, Sekunden zuvor von Anthony Gaines noch per Ellenbogen-Hieb übel niedergestreckt, ließ vor der Stehtribüne die Muskeln spielen. Luis König Figge führte ein lockeres Tänzchen auf. Robin Benzing spielte Luftgitarre. Und Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic riss sich sein Sakko vom verschwitzten Leib und feuerte es durch die Luft. 

Mit seinem Floater über Brock Gardner hinweg zum 81:70 und seinem Dreier kurz darauf zum 84:70 hatte Daniel Norl, der „Mann des Abends“, nicht nur knapp 40 Sekunden vor dem Halali für die endgültige Entscheidung gesorgt und die rappelvolle Osthalle in Ekstase versetzt, sondern auch die GIESSEN 46ers ins Playoff-Halbfinale der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA befördert. 

„Verdient“, wie Gästetrainer David McCray nach drei deutlichen Klatschen seiner HAKRO Merlins Crailsheim neidlos anerkannte. Mit 89:77, 89:79 und am Freitagabend mit 87:70 (35:35) bei einer hauchdünnen 86:88-Niederlage hatte der Altmeister den Hauptrunden-Zweiten nicht nur im Best-of-five-Vergleich klar mit 3:1 dominiert, sondern auch alle Rückschläge, die schließlich nach 34 Spieltagen nur mit Rang sieben im Endklassement geendet hatten, vergessen lassen. 

„Ich bin echt stolz auf meine Jungs, sehr stolz sogar. Sie haben die beste Mannschaft der Liga erneut kontrolliert und unseren Anhängern fantastischen Sport geboten. Heute freuen wir uns, heute wird gefeiert, ab morgen beginnen wir mit der Arbeit fürs Halbfinale“, ließ Ignjatovic die Seinen im VIP-Raum im Kreise ihrer Liebsten ausnahmsweise einmal etwas länger gewähren. „Wir bleiben aber weiter auf dem Boden, denn unser nächster Gegner Kirchheim wird eine ganz harte Nuss.“ Eine, die es im Vorhaben, nach vier Jahren Zweitklassigkeit endlich wieder in die BBL zurückkehren zu wollen, ab dem kommenden Mittwoch zu knacken gilt.

Nach einer famosen Serie und einem bockstarken Spiel vier, das als das beste Match der 46ers in der Saison 2025/26 nicht unbedingt in die Geschichtsbücher Einzug halten, aber sicher in nachhaltiger Erinnerung bleiben wird. „Alle haben in diesen vier Partien ihren Teil zum Erfolg beigetragen. Ich bin sehr glücklich, dass ich nach Gießen zurückgekommen bin und weiter ein Teil dieser tollen Truppe sein darf“, freute sich Viktor Kovacevic. Till Gloger hatte eine Begegnung erlebt, „in der uns unsere Fans überragend unterstützt haben. So einen Lärmpegel habe ich selten erlebt.“ Robin Benzing sprach davon, dass „unsere kämpferische Einstellung und unsere fantastische Defense bei allen drei Erfolgen über Crailsheim den Ausschlag gegeben haben.“ Und Daniel Norl, dessen 21 Punkte, drei versenkte Würfe von jenseits der 6,75-Meter-Marke und sieben eingesammelte Rebounds seinen persönlichen Saison-Höhepunkt bedeuteten, hatte beobachtet: „Gegen die eigentlich physischste Mannschaft der Liga hat unsere eigene überragende Physis den Ausschlag gegeben. Außerdem haben wir besser getroffen und auch zumindest nach der Pause die Rebounds dominiert.“

Recht hatte der Ex-Bremerhavener, der schon im ersten Abschnitt, als der 46ers-Motor noch etwas stotterte, für die Highlights gesorgt hatte. Erst schlug ein Dreier des 31-Jährigen zum 7:12 (6.) ein, dann bediente er blitzgescheit Jonathan Maier, der zum 9:13 (7.) dunkte, ehe er einen 9:3-Lauf mit dem 11:13 (9.) abschloss und damit verdeutlichte, dass die Hausherren endgültig in den Crailsheimer Köpfen angekommen waren. Aiden Warnholtz veredelte die Aufholjagd mit zwei Treffern vom Perimeter zum 21:17 (12.). Viktor Kovacevic staubte zum 31:31 (16.) ab, als Luis König Figge per spektakulärer Flugeinlage die Kugel im Spiel gehalten hatte. Und Daniel Norl drehte Gianni Otto beim 33:31 (17.) so ein, dass es dem HAKRO-Guard auf der dreistündigen Heimreise noch schwindelig gewesen sein dürfte.

Als dann auch noch Gießens Go-to-Guy Simon Krajcovic zu jener Form fand, ob der ihn „Frenki“ Ignjatovic zum Bleiben an der Lahn überredet hatte, war Crailsheim angezählt. Das dritte Viertel ging mit 31:20 an die Hausherren, da der Slowake (2), Daniel Norl, Aiden Warnholtz (2) und auch der lange Jonathan Maier sechs Dreier einschweben ließen. Als dann auch noch Vinnie Shahid bei der Verfolgungsjagd von Simon Krajcovic krachend zu Boden stürzte, Aiden Warnholtz durch die Merlins-Reihen hüpfte wie einst Slalom-Star Felix Neureuther durch den Stangenwald am Ganslernhang und Daniel Norl unter den Achseln von Brock Gardner auf 60:50 (27.) stellte, sang die Stehtribüne glückselig alte MTV-Waisen. 

„Keine Zweier, keine Dreier, insgesamt eine miese Wurfquote“, grantelte David McCray nach seinem letzten Match für Crailsheim, denn der 39-Jährige wird Sportlicher Leiter bei den RIESEN Ludwigsburg. Wohl wissend, dass seine Jungs, die im Ligabetrieb einen Schnitt von 90 Zählern aufzuweisen hatten, bei den Niederlagen gegen Gießen dreimal unter 80 Punkten geblieben waren. „Das hatten wir unserer grandiosen Defense zu verdanken, die uns durch die Serie getragen hat“, so Branislav Ignjatovic, für dessen Team der Schlussabschnitt zwar kein Schaulaufen war, der aber schon bei seinem ersten Ausbruch der Freude, als er beim Stande von 79:65 ein Offensivfoul an Robin Benzing sekundenlang mit der Becker-Faust bejubelte, sichtbar alle Last der letzten Monate über Bord warf.

„Ich bin halt auch nur ein Mensch“, entschuldigte sich der 59-Jährige später für seinen Sakko-Wurf. „Kaum schwebte der Fummel durch die Halle, habe ich die Luft angehalten, dass mein Werbeschild aus Metall, das ich stets trage, niemanden verletzt.“ Tat es nicht! Die einzigen, die angeschlagen waren, trugen Weiß und kamen aus Hohenlohe, denn die „Zauberer“ wurden im Schlussabschnitt von den 46ers förmlich auseinandergenommen. Jonathan Maier „Basketballgott“, wie Viktor Kovacevic ihn bezeichnete, ließ abermals einen Dreier zum 73:57 (33.) einschweben, Simon Krajcovic narrte Xavier Johnson beim 79:65 (35.), ehe Robin Benzing mit einem And One zum 87:70-Endstand den Deckel auf einen denkwürdigen Abend schraubte.

Denkwürdig, weil die 43-prozentige Dreierquote überragend war. Denkwürdig, weil der Geräuschpegel bis auf den Schiffenberg schwappte. Und denkwürdig, weil Topscorer Kyle Castlin mit nur zwei versenkten Freiwürfen offensiv überhaupt keinen Faktor darstellte, Viktor Kovacevic ihn aber dennoch zum „Helden des Abends“ erkor. „KC ist so unglaublich wichtig für die Mannschaft. Wenn sich die Gegner auf ihn konzentrieren und ihn aus dem Spiel nehmen, dann ergeben sich Räume für die anderen.“ 

Die die 46ers so grandios nutzten, dass sich „Frenki“ Ignjatovic getrost seines Sakkos entledigen konnte …

Gießen: Norl (21), Warnholtz (18), Arslanagic, Castlin (2), Benzing (8), Maier (10), König Figge (6), Müsse, Gloger, Nyama (n.e.), Kovacevic (7), Krajcovic (15).

Crailsheim: Blunt (3), de Oliveira (2), Stuckey (5), Gardner (15), Gaines (6), Otto, Johnson (7), Welp, Isemann (n.e.), Madlock (7), Ogunsipe (14), Shahid (11).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
  • Unser ausdauerndster Profi: Simon Krajcovic (27:38 Minuten).
  • Unsere stärksten Rebounder: Viktor Kovacevic, Jonathan Maier und Daniel Norl (je 7).
  • Unser erfolgreichster Passgeber: Adnan Arslanagic (4).
  • Unsere höchste Führung: 87:70 (40. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 11:0 zum 63:50 (28. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 2404 Zuschauer in der ausverkauften Osthalle.
  • Unser nächster Auftritt: Mittwoch, 20. Mai (20 Uhr), in der Sporthalle Stadtmitte der Bozic Estriche Knights Kirchheim.

Playoff-Viertelfinale (best of five), Spiel vier: Bozic Estriche Knights Kirchheim – BG Göttingen 90:85 (Stand 3:1), GIESSEN 46ers – HAKRO Merlins Crailsheim 87:70 (Stand 3:1).

Playoff-Halbfinale (best of five), Spiel eins: Phoenix Hagen – Eisbären Bremerhaven (Mittwoch, 19.30 Uhr), Bozic Estriche Knights Kirchheim – GIESSEN 46ers (Mittwoch, 20 Uhr).

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