Ein Name spukt durch die Osthalle

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Gießen 46ers gehen als Außenseiter, aber dennoch selbstbewusst in Viertelfinal-Serie.

Ein Name spukte am Samstag durch die Osthalle. Ein Name, den die meisten Spieler, Verantwortlichen und Zuschauer der Gießen 46ers gerne gegen einen anderen Namen getauscht hätten. Denn Crailsheim oder Hagen, Hagen oder Crailsheim waren die beiden Ortsnamen, die mehrere Stunden lang in so ziemlich allen Gesprächen auftauchten, bis der 88:69-Erfolg der Männer in Rot gegen die Baskets Koblenz feststand.

„Wenn es nach mir geht“, sagte beispielsweise Luis König Figge vor dem Sprungball, „spielen wir lieber gegen Hagen.“ Das sahen wohl die meisten Mittelhessen so. Lieber ein wildes Duell gegen die Westfalen, das König Figge zwar „Derby“ nannte, aber höchstens als Autobahn-Derby A 45 durchgeht, als gegen die „Zauberer“ aus Crailsheim. Doch auch die 2. Basketball-Bundesliga ist kein Wunschkonzert. Und so stand recht schnell fest, dass Hagen die Pflichtaufgabe bei Schlusslicht Münster meistern und den Spitzenplatz behalten würde. Und damit die 46ers am Donnerstagabend (19.30 Uhr) zu den Merlins reisen müssen. „Die beste Mannschaft der Liga“, wie Gießens Trainer nicht müde wurde zu betonen. Die beste Mannschaft der Liga, wenn man die Rückrunde betrachtet, in der der Rangzweite einen Rekord mit nur einer Niederlage aufgestellt hat.

Was zum Duell mit den auf Rang sieben notierten Mannen von Branislav Ignjatovic führt. Was am späten Samstagabend aber auch zu eher pessimistischen Betrachtungen in und rund um die Osthalle führte. Von „Das wird eine 0:3-Serie – da haben wir keine Chance“ bis zu „Die sind einfach viel besser besetzt als wir“ lauteten die meisten der Ansichten zwischen Fantribüne und VIP-Raum. Da mochte auch am Montag „Frenki“ Ignjatovic gar nicht so vehement gegen protestieren: „Die sind der klare Favorit. Ich bin weiterhin sehr glücklich, dass wir nach dieser turbulenten Saison überhaupt die Playoffs erreicht haben. Aber unsere Außenseiterrolle stellt eben auch eine kleine Chance dar.“ Eine kleine Chance, die am besten bereits zum Start der Best-of-five-Serie am Donnerstag beim dünnen Schopf ergriffen werden sollte. Um sich zumindest ein zweites Heimspiel zu sichern.

Von einem zweiten Heimspiel träumen auch die meisten Fans. Träumen vom Aufstieg wiederum mag derzeit kaum einer. Zu wankelmütig kam dieses 46ers-Team in der Hauptrunde daher. Zu schwach gerieten oftmals die Wurfquoten. Zu fehlerhaft agierte zumeist die Offense, als dass das große Ziel BBL erreichbar scheint. Oder? „Wir“, formulierte „Frenki“ dann doch eine vorsichtige Kampfansage, „fahren dorthin und versuchen, eine Überraschung zu schaffen.“

Um das zu schaffen, um diesen Coup zu feiern, bedarf es natürlich einiger Voraussetzungen. Vor allem einer bärenstarken Defense gegen dieses von A bis Z stark besetzte Ensemble. Einem Ensemble, das am Samstag seine Klasse unterstrich. Dem Dreierspezialisten Vincent Shahid gelangen beim eindrucksvollen Hauptrunden-Hallali mit dem 96:87 gegen Göttingen stolze 29 Punkte. Anthony Gaines ist ein gefürchteter Verteidiger. Und Brock Gardner überzeugte gegen Göttingen mit acht Rebounds..

„Die haben den Kern ihrer Mannschaft vor der Saison zusammengehalten und dann gut ergänzt“, lobt Ignjatovic die Personalpolitik der Merlins. Der Trainer hätte gerne bereits am Mittwoch die gut dreistündige Fahrt gen Süden angetreten. Doch das war aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Nun geht es direkt zur Crailsheimer Halle. Und dort sollen die Mannen in den schwarzen Auswärtstrikots möglichst so auftreten wie phasenweise gegen die durchaus munteren Koblenzer. „In der zweiten Halbzeit haben wir über weite Strecken so gespielt, wie ich mir das für die Playoffs vorstelle. Da haben wir solide verteidigt und auch unsere Schüsse endlich getroffen“, blickt der Coach einerseits zurück und andererseits voraus. Und mit dem Blick voraus, mit dem Blick auf diese so wichtigen Begegnungen bei den Franken, sagt „Frenki“: „Ich bein eigentlich ganz froh, dass es sofort gegen das für mich beste Team der Liga geht.“ Oder anders gesagt: Die dicken Brocken sollte man gleich aus dem Weg räumen.

„Die Mannschaften aus Hagen und Crailsheim sind die gejagten Teams. Und diese haben auch am meisten zu verlieren“, bekommen die Merlins gleich mal die mühlsteinschwere Favoritenbürde um den Hals gehängt. Und der Kapitän freute sich bereits am Samstagabend: „Das ist doch die beste Zeit des Jahres.“ Und dieser Robin Benzing holte im gleichen Atemzug zum geschickten psychologischen Kniff aus: „Jetzt beginnt eine neue Saison.“ Jetzt zählt nichts mehr von den teils mühsamen vergangenen Monaten. Jetzt zählt aber auch bei Crailsheim nichts mehr von deren starken vergangenen Wochen. Es steht alles auf Null. Alles ist möglich.

Alles ist noch möglich, um diese komplizierte Spielzeit zu retten. Und vielleicht sogar mit dem Aufstieg im vor zehn Monaten formulierten Fünf-Jahres-Plan zu bleiben, der unter die besten zwölf Mannschaften Deutschlands führen soll. Wer weiß: Möglicherweise geistert nach einem roten Coup in diesem Viertelfinale ein Name durch die Crailsheimer Halle. Möglicherweise lautet dieser mit sportlichem Schrecken genannte Name dann Gießen.

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