Nach dem erneut überzeugenden 89:79-Erfolg liegen die GIESSEN 46ers im Playoff-Viertelfinale gegen Crailsheim schon mit 2:0 in Führung.
Wenn die Sommerpause vor der Tür steht und die Profis in ihre Heimat entschwinden, dann wird „Frenki“ Ignjatovic bei ihrer obligatorischen Verabschiedung meist ein wenig wehmütig. Der 59-Jährige spricht dann gerne von „einer großen Familie“ und bezeichnet sich selbst als den „Vater der Truppe.“ An Muttertag, vor allem aber zu seinem 30. Hochzeitstag, haben ihm seine „Söhne“ gestern dann auch das passende Geschenk gemacht. Denn die GIESSEN 46ers, die der gebürtige Belgrader seit knapp vier Jahren coacht, liegen im Playoff-Viertelfinale der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA mit 2:0 in Führung.
Drei Tage nach dem 89:77-Erfolg bei den HAKRO Merlins Crailsheim gewinnt der Altmeister auch Spiel zwei gegen den Hauptrunden-Vize mit 89:79 (48:38), was nicht nur die Europaabgeordnete Katarina Barley, sondern vor allem ihren Mann, den ehemaligen niederländischen Nationaltrainer Marco van den Berg, restlos begeistert: „Es war ein Match auf einem hohen Level, das Gießen intelligent geführt hat. Nur so kannst du dich in Playoffs behaupten“, lobt der vor 14 Monaten beim 46ers-Rivalen EPG Baskets Koblenz entlassene Übungsleiter den Altmeister, der sich wie schon am Donnerstag in der Arena Hohenlohe gerade in der Defense zu Ungeahntem aufschwingt und die „Zauberer“, die in der Liga für im Schnitt knapp 90 Punkte standen, abermals unter 80 Zählern hält.
Was auch den mittelhessischen Profis nicht entgeht. Kapitän Robin Benzing spricht davon, dass „wir bärenstark verteidigt und auch die Rebounds kontrolliert haben.“ Und Luis König Figge hat in einem „geilen Spiel“ eine „richtig starke Defensive“ gesehen, mit der „wir auch in Partie drei bestehen können.“ Doch Vorsicht: „Noch war dies erst der zweite Streich, noch sollten wir demütig bleiben und uns so fokussieren, dass uns mit einem weiteren Erfolg der Einzug ins Halbfinale gelingen kann.“
In die gleiche Kerbe schlägt auch Branislav Ignjatovic: „Heute sollten wir den zweiten Erfolg in dieser Serie genießen, morgen aber realisieren, dass dieser nur ein weiterer, kleiner Schritt war. Wir müssen am Boden bleiben, die Runde war turbulent genug. Alles ist noch offen, wir arbeiten weiter ehrlich und hart.“
Wie am Sonntagnachmittag in der so gut wie ausverkauften Osthalle, in der auch Ex-Landesvater Volker Bouffier und Rathauschef Frank-Tilo Becher ein Plätzchen ergattert haben. Und mitansehen dürfen, wie die 46ers nach klitzekleinen Anlaufschwierigkeiten und einem 11:17-Rückstand (6.) nicht nur die Partie peu à peu drehen, sondern auch die Emotionen auf ihre Seite ziehen.
Beispiele gefällig? Gerne fünf Stück!
Gänsehaut-Moment, der erste: Dass die Hausherren das Anfangsviertel in Führung liegend abschließen dürfen, geht auf die Kappe des 167-fachen Internationalen Robin Benzing, der mit dem Buzzer einen weiten Dreier nimmt und die Kugel zum 25:22 in der Crailsheimer Reuse versenkt. Die Fans in der Osthalle toben.
Gänsehaut-Moment, der zweite: Adnan Arslanagic treibt die Kugel nach vorne, weiß jedoch plötzlich nicht mehr, wohin mit ihr. Der bosnische Regisseur hüpft und entscheidet sich für einen Lupfer, der völlig überraschend sein Ziel findet: 40:27 Mitte des zweiten Abschnitts, abermals sitzt niemand mehr auf seinem Allerwertesten.
Gänsehaut-Moment, der dritte: Die Hausherren führen mit 59:52, das Match steht auf des Messers Schneide, als Robin Benzing seine 2,10 Meter einsetzt und die Kugel per Hechtsprung ins Seitenaus im Spiel hält. Abermals Ekstase. Und ein Coach „Frenki“ Ignjatovic, der trotz dreier gebrochener Rippen zu seinem Ziehsohn aus alten Langener Tagen eilt, um ihm auf die Beine zu helfen. Dem weiterhin benötigen Korsett unter dem durchgeschwitzten weißen Hemd sei Dank.
Gänsehaupt-Moment, der vierte: Der wieder einmal überragende Viktor Kovacevic, laut Crailsheims Coach David McCray einer der „stärksten Akteure der Liga“, für Gießen in jedem Fall der Top-Verteidiger schlechthin, bearbeitet den stämmigen Brock Gardner derart, dass dem US-Scorer beim Stande von 71:61 für die 46ers ein peinlicher Schrittfehler unterläuft. Dass der Serbe schließlich vor der Stehtribüne die Muskeln spielen lässt und brüllt wie weiland Hulk Hogan in den Wrestling-Käfigen dieser Welt, versteht sich von selbst.
Gänsehau-Moment, der fünfte: Daniel Norl schwingt sich zum Decider, zum Entscheider, auf. Ausgerechnet der Ex-Bremerhavener, der Anfang April mit einem Ballverlust die 96:97-Hauptrundenniederlage gegen Crailsheim zu verantworten hatte, zieht Brock Gardner den Ball beim Dreier aus Downtown quer durchs Gesicht. Es steht 79:65, die Entscheidung ist 4:35 Minuten vor dem Ende so gut wie gefallen. Niemand in Gießens guter Stube glaubt noch an ein Comeback der Mannschaft aus dem fränkisch geprägten Nordosten von Baden-Württemberg.
Der Rest ist Formsache, denn die GIESSEN 46ers treten so gefestigt auf, dass ihnen auch ein angebliches Flopping von Regisseur Simon Krajcovic, den in Wahrheit Vinnie Shahid per Ellenbogeneinsatz kräftig aus dem Weg räumt, nichts mehr anhaben kann.
„Ein großes Kompliment an meine Jungs. Sie haben alles gegeben“, freut sich „Frenki“ Ignjatovic, der aufgrund von nur vier Punkten seines Topscorers Kyle Castlin und derer nur drei von Go-to-Guy Simon Krajcovic noch „Reserven im Tank“ sieht. Wenngleich andere in die Bresche springen …
Daniel Norl beispielsweise, der nicht nur mit 18 Punkten eine Saisonbestmarke liefert, sondern dessen fünf von fünf an der Freiwurflinie und 83 Prozent aus dem Feld mehr als beeindrucken. Aiden Warnholtz beispielsweise, der mit Punkten immer dann zur Stelle ist, wenn es brennt, so dass Ignjatovic sogar davon spricht, dass dem Kanadier die Zukunft im Gießener Basketball gehören würde. Robin Benzing beispielsweise, der zum 25. Mal in dieser Saison zweistellig scort und obendrein auch noch sieben Abpraller herunterpflückt. Jonathan Maier beispielsweise, der Gabriel de Oliveira und Marvin Ogunsipe nicht nur spektakulär bearbeitet, sondern auch noch Zeit findet, ebenso spektakulär zu dunken. Und Viktor Kovacevic natürlich, der nur hauchzart an einem Double-Double vorbeischrammt.
„So geht Playoff-Basketball“, freut sich mit Robin Benzing der erwachsenste der „Söhne“ von „Frenki“ Ignjatovic über ein Geschenk, dessen Bedeutung nur den Wenigsten in der Osthalle klar gewesen sein dürfte.
Gießen: Norl (18), Warnholtz (12), Arslanagic (6), Castlin (4), Benzing (12), Maier (8), König Figge (2), Müsse (n.e.), Gloger (10), Nyama (n.e.), Kovacevic (13), Krajcovic (3).
Crailsheim: Blunt (9), de Oliveira (7), Stuckey (2), Gardner (14), Santana, Gaines (16), Otto (2), Johnson (7), Isemann (1), Madlock, Ogunsipe (8), Shahid (13).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
- Unser ausdauerndster Profi: Viktor Kovacevic (26:18 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (9).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Adnan Arslanagic (5).
- Unsere höchste Führung: 56:42 (23. Minute).
- Unsere erfolgreichste Serie: 10:0 zum 35:25 (14. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 2353 Zuschauer in Osthalle.
- Unser nächster Auftritt: Mittwoch, 13. Mai (19.30 Uhr), in Arena Hohenlohe bei den HAKRO Merlins Crailsheim.
Playoff-Viertelfinale (Best of five), Spiel zwei: Artland Dragons – Eisbären Bremerhaven 84:86 (Stand 0:2), PS Karlsruhe LIONS – Phoenix Hagen 73:108 (Stand 0:2), Bozic Estriche Knights Kirchheim – BG Göttingen 81:67 (Stand 1:1), GIESSEN 46ers – HAKRO Merlins Crailsheim 89:79 (Stand 2:0).
So geht es weiter: BG Göttingen – Bozic Estriche Knights Kirchheim, Phoenix Hagen – PS Karlsruhe LIONS (beide Dienstag, 19.30 Uhr), Eisbären Bremerhaven – Artland Dragons (Mittwoch, 19 Uhr), HAKRO Merlins Crailsheim – GIESSEN 46ers (Mittwoch, 19.30 Uhr).

