Die GIESSEN 46ers holen sich durch den 89:77-Erfolg bei den HAKRO Merlins Crailsheim den Heimvorteil im Playoff-Viertelfinale zurück.
Schon lange vor der Schlusssirene hatten Jonathan Maier und Physio Lukas Lai am Rande des Geschehens ihren Spaß. Cheftrainer „Frenki“ Ignjatovic klatschte seine Jungs ab. Die Fans, für einen Arbeitnehmer-unfreundlichen Donnerstag bei drei Stunden Fahrtzeit immerhin stolze 30 an der Zahl, sangen „Rot und Weiß, ein Leben lang …“ Und die Besucher, sofern sie es mit den Hausherren hielten, verließen fluchtartig schon einige Minuten vor dem Halali den Ort des Geschehens.
Ihre „Merlins“, zuletzt in 20 Partien seit Weihnachten nur einmal besiegt, hatten ihren Zauber verloren. Von den GIESSEN 46ers hatten sie in ihrer „Stierkampfarena“, wie sie die Arena Hohenlohe ob der dort normalerweise stattfinden Tierschauen gerne bezeichnen, die Hörner aufgesetzt bekommen.
In Spiel eins des Playoff-Viertelfinales der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA behielt der in der Hauptrunde nur auf Rang sieben eingelaufene Altmeister beim Vize mit 89:77 (35:33) die Oberhand und holte sich damit das Heimrecht in der Best-of-five-Serie zurück, was die Protagonisten trotz ihres bärenstarken Auftritts jedoch nüchtern und überhaupt nicht euphorisch einordnen wollten. „Der Sieg heißt noch überhaupt nichts. Wir haben ihnen den Heimvorteil geklaut, mehr nicht. Erst wenn wir Sonntag vor eigenem Publikum nachlegen können, wird sich der Wert unseres Auftritts vielleicht darstellen“, analysierte Capitano Robin Benzing.
Luis König Figge sprach davon, dass es überhaupt noch nichts zu feiern gäbe: „Wir bleiben am Boden und heben nicht ab. Wir alle sind erwachsen genug, um zu wissen, dass Spiel eins auch wirklich nur ein erster, kleiner Schritt war.“ Und Branislav Ignjatovic freute sich über eine „grandiose Teamleistung ohne Schwachstellen“, zu der jeder einzelne Akteur seinen Beitrag geleistet habe. „Es bleibt in dieser Serie bei unserer Außenseiterrolle, bei der wir am Sonntag abermals unsere Chance suchen. Wir genießen den Moment, mehr aber auch nicht.“
Ein Moment, der sich im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs aber wie eine Ewigkeit anfühlte. Denn in der Rundsporthalle, in der überraschenderweise rund 700 Plätze leer geblieben waren, drückten die 46ers dem Geschehen zwei Stunden lang ihren Stempel auf. Und dies, obwohl die Hausherren, bekannt und gefürchtet als die am physischsten zu Werke gehende Truppe aller 18 Zweitligisten, nach drei erfolgreichen Dreiern schnell mit 13:3 (4.) vorne lagen.
Doch Ignjatovics rasche Auszeit zog Crailsheim erst einmal den Zahn, so dass es Luis König Figge vorbehalten blieb, einen 15:4-Run per Solo durch halb Hohenlohe zum 19:19-Ausgleich (12.) abzuschließen. Als Robin Benzing erst den 15 Jahre jüngeren Antonio Madlock alt aussehen ließ und Adnan Arslanagic Merlins-Heimkehrer Vinnie Shahid düpierte, lag Gießen zur Pause beim 35:33 erstmals in Front. Es war eine Führung, die die Mittelhessen nur beim 44:42 (23.) für die „Zauberer“ noch einmal abgeben sollten, die sie jedoch nach einer abermaligen personellen Justierung von „Frenki“ Ignjatovic, der ein 13:2-Lauf folgte, nicht mehr hergeben sollten.
Zwei Kracher aus dem Nirwana von Kyle Castlin und Simon Krajcovic bedeuteten beim 50:46 (26.) den Gamechanger. Als der nach der Pause aufblühende Viktor Kovacevic, der nach eigener Aussage „stolz“ darauf war, dass er trotz anfänglicher „Fahrkarten“ mit schließlich 17 Punkten und fünf Rebounds einen wichtigen Beitrag zum Auswärtserfolg leisten konnte, per Dunk auf 64:54 (31.) stellte, hörte man in der Arena Hohenlohe, in der ansonsten Rinderauktionen stattfinden, eine Stecknadel fallen. Robin Benzing bestrafte das Flopping von Gianni Otto, Kyle Castlin bugsierte die Kugel im Fallen in die Reuse und Till Gloger besorgte auf Traumpass von Adnan Arslanagic knapp fünf Minuten vor dem Ende beim 71:58 die höchste Gießener Führung, die sich laut 46ers-Assistenzcoach Nikola Stanic „irgendwie anfühlte, als würden wir schon mit 20 Punkten in Front liegen.“
Der Rest war Formsache: Hier ein weiter Dreier von Aiden Warnholtz zum 74:63 (37.), da ein Buzzerbeater-Floater von Viktor Kovacevic zum 76:66 (38.). Dass am Ende Viktor Kovacevic völlig unbeaufsichtigt von jenseits der 6,75-Meter-Marke zum 83:72 (39.) traf und Robin Benzing an der Freiwurflinie mit vier Treffern die gleich acht ausgelassenen 46ers-Freiwürfe in Halbzeit eins korrigierte, setzte der sehr erwachsenen Leistung der Gäste aus Mittelhessen die Krone auf.
„Heute haben wir uns wie ein Boxer präsentiert, dem der Gegner eine verpasst, der sich dann aber in seiner Ringecke schüttelt und schließlich stärker denn je zurückkommt“, spielte Luis König Figge auf die Anfangsphase, in der Gießen Anlaufschwierigkeiten hatte, an. Die aber, wie es Robin Benzing befand, „mit einer unfassbar geschlossenen Mannschaftsleistung“ aufgefangen wurden.
Daniel Norl und Aiden Warnholtz waren immer dann zur Stelle, wenn sie gebraucht wurden. Adnan Arslanagic sorgte für Tempo und sein Mit-Regisseur Simon Krajcovic für Inspiration. Dass beide auch noch je fünf Assists auf ihrem Scoreboard hatten und der nur 1,80 Meter messende Bosnier sich auch noch zu sechs Rebounds in die Lüfte schraubte, setzte der richtig guten Vorstellung des Pointguard-Duos die Krone auf. Die beiden 46ers-Topscorer Kyle Castlin und Robin Benzing lieferten wie immer zuverlässig, wobei besonders die jeweils sieben Rebounds und Benzings neun von neun an der Freiwurflinie herausstachen. Jonathan Maier und Till Gloger arbeiteten unter den Brettern unermüdlich und hatten schließlich gegen die lange Crailsheimer Garde um Till Isemann, Marvin Ogunsipe, Gabriel de Oliveira und Brock Gardner die Oberhand. Luis König Figge brachte wie immer Energie aufs Parkett. Und Viktor Kovacevic beendete den Abend als Topscorer.
„So geht Teambasketball“, freute sich „Frenki“ Ignjatovic. „Es war ein außergewöhnlich gutes Spiel von uns, in dem wir Crailsheim mit unserer starken Defense so bearbeitet haben, dass sie immer mehr die Nerven verloren haben.“ Die „Zauberer“ hatten schlicht ihre Magie eingebüßt …
Crailsheim: Blunt (9), de Oliveira (2), Stuckey (4), Gardner (6), Santana, Gaines (13), Otto (5), Johnson (16), Isemann (2), Madlock, Ogunsipe (16), Shahid (4).
Gießen: Norl (3), Warnholtz (6), Arslanagic (9), Castlin (11), Benzing (13), Maier (6), König Figge (2), Müsse (n.e.), Gloger (11), Nyama (n.e.), Kovacevic (17), Krajcovic (11).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
- Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (35:05 Minuten).
- Unsere stärksten Rebounder: Kyle Castlin und Robin Benzing (je 7).
- Unsere erfolgreichsten Passgeber: Simon Krajcovic und Adnan Arslanagic (je 5).
- Unsere höchste Führung: 71:58 (35. Minute).
- Unsere erfolgreichste Serie: 10:0 zum 52:46 (26. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 2269 Zuschauer in der Arena Hohenlohe, davon 30 aus Gießen.
- Unser nächster Auftritt: Sonntag, 10. Mai (15 Uhr), in der Osthalle gegen die HAKRO Merlins Crailsheim.
Playoff-Viertelfinale (Best of five), Spiel eins: Eisbären Bremerhaven – Artland Dragons 78:74, Phoenix Hagen – PS Karlsruhe LIONS 90:66, BG Göttingen – Bozic Estriche Knights Kirchheim 99:87, HAKRO Merlins Crailsheim – GIESSEN 46ers 77:89.
So geht es weiter: Bozic Estriche Knights Kirchheim – BG Göttingen (Samstag, 19 Uhr), PS Karlsruhe LIONS – Phoenix Hagen (Samstag, 19.30 Uhr), GIESSEN 46ers – HAKRO Merlins Crailsheim (Sonntag, 15 Uhr), Artland Dragons – Eisbären Bremerhaven (Sonntag, 16 Uhr).


