(Foto: Alexander Mihm)

Eine Dusche für „Johnny“

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Nikola Stanic steht für den verletzten „Frenki“ Ignjatovic in Bochum an vorderster Front und wird für den 95:67-Sieg der GIESSEN 46ers gefeiert.

Nikola Stanic riss sich in der Kabine erst einmal das patschnasse Etwas namens Hemd vom Oberkörper. Robin Benzing und Simon Krajcovic hatten dem 40-Jährigen Sekunden zuvor nach der obligatorischen Ansprache am Ende eines Matches eine ordentliche Abkühlung verpasst. „Aber nur mit Wasser“, lachte der Assistant-Coach der GIESSEN 46ers herzhaft, „vielleicht wird es ja am Ende der Saison eine Dusche mit Champagner“. 

Mit 95:67 (41:28) hatte der Altmeister am viertletzten Spieltag der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA gerade den VfL SparkassenStars Bochum eine ordentliche Abreibung verpasst, hatte nach zuletzt drei ebenso unglücklichen wie unnötigen Niederlagen wieder in die Spur gefunden und mit nun 7:3-Siegen aus den letzten zehn Matches eindrucksvoll demonstriert, dass mit ihm in den Playoffs zu rechnen sein wird. 

Was am Samstagabend auch das Verdienst von Nikola Stanic war. Weil sich „Frenki“ Ignjatovic nach einem Sturz zu Hause drei Rippen gebrochen hatte, entschieden die beiden, dass der „Senior“ erst einmal ruhig in Reihe zwei auf dem Stuhl sitzen und der „Junior“ am Spielfeldrand für Betrieb sorgen sollte. Es war eine Maßnahme, die aufging. Und die den Cheftrainer mit Genugtuung, ja mit Stolz erfüllte. „Ich war heute nur körperlich anwesend“, bekannte der 59-Jährige in der Pressekonferenz noch immer mit schmerzverzerrtem Gesicht, das verriet, dass ihm jede Bewegung, ja jeder Atemzug Überwindung gekostet hatte. „Johnny hat einen Top-Job gemacht, ich bin ihm sehr dankbar.“

Sein ihm in vier Jahren an der Lahn stets treu ergebener und loyal mit ihm zusammenarbeitender serbischer Landsmann zeigte am Samstagabend an vorderster Front viele Emotionen. Er schrie immer wieder lautstark aufs Parkett und pfiff schrill in Richtung seiner Jungs. Dass sich Stanic früh seines Sakkos entledigte und die Ärmel des später an ihm klebenden Oberteils hochkrempelte, wirkte irgendwie sinnbildlich, wenngleich der Co. die Lorbeeren nicht allein ernten wollte: „Wir hatten mächtig Energie im Team und haben viel richtig gemacht. Die Dreierquote stimmte, an der Freiwurflinie haben wir nur einen liegengelassen, unter den Brettern hatten wir Vorteile und 30 Assists bedeuteten einen neuen Saisonrekord“, fasste der „Mann der Zahlen“ den Abend nüchtern, aber hochzufrieden zusammen.

In die gleiche Kerbe schlugen auch seine ohne den am Knie verletzten Roland Nyama angetretenen Männer. Capitano Robin Benzing hatte einen „mehr als verdienten Erfolg“ gesehen, sprach von einer „starken Defense“ und von „Vorteilen unter den Körben“. Till Gloger, der in jener Halle, in der er das Basketballspielen erlernt hatte, einen grandiosen Abend erlebte, blickte auf eine „grundsolide Vorstellung“ und „viele einfache Punkte, die wir erzielen konnten“, zurück. 

Und Kai Müsse, den Stanic gut vier Minuten vor dem Halali ins Getümmel warf und der sich für das Vertrauen mit sechs Punkten und einer Hunderter-Quote bedankte, ergänzte: „Es war ein super Spiel von uns, zu dem ich am Ende sogar noch meinen Beitrag leisten durfte.“ Einen, den der 19-Jährige allerdings recht nüchtern einordnete: „Mein Ziel ist es in erster Linie, nicht negativ aufzufallen. Wenn dann auch noch ein paar Punkte dabei herausspringen, ist das ein Bonus.“

In der Tat war die Vorstellung des Nachwuchs-Centers eine von vielen positiven Begebenheiten einer blitzsauberen und selbstbewussten Gießener Performance an der Ruhr, an der sich alle eingesetzten Profis in die Liste der Punktesammler eintragen durften. Allen voran der von zahlreichen Familienmitgliedern unterstützte Till Gloger, der fußläufig vom Ruhrstadion entfernt aufgewachsen ist und dementsprechend auch das Wochenende in der Stadt mit dem laut Herbert Grönemeyer „Pulsschlag aus Stahl“ verbrachte. 

Von einem „tollen Gefühl“ sprach der Center, der die Garde der langen 46ers-Männer mit Jonathan Maier, Robin Benzing und Kai Müsse anführte, die der Partie ihren Stempel aufgedrückt hatten. Da von außen nicht eben üppig viel klappte, das Inside-Spiel aber funktionierte, sorgten die Hünen unter dem Strich zusammen für 49 Punkte und damit für mehr als die Hälfte aller Gießener Zähler. „Das war schon außergewöhnlich“, freute sich Nikola Stanic über die Vorstellung seiner Big Men, die zudem auch noch 14 Abpraller einsammelten. 

Da auch Powerforward Viktor Kovacevic dreimal zuzupacken wusste, dominierten die Gäste das Spiel unter den Brettern nach Belieben und degradierten Aitor Pickett oder Kilian Dietz zu Statisten. Weil auch Regisseur Simon Krajcovic – zumindest offensiv – tadellos blieb, Aiden Warnholtz nach wochenlanger Verletzungspause peu à peu zu alter Form findet und Adnan Arslanagic inzwischen mehr als nur einen Krajcovic-Backup darstellt, ließ es sich verschmerzen, dass Kyle Castlin nicht wie gewohnt traf und 16 Ballverluste eindeutig zu viele waren.

Ab dem 11:10 für Bochum bestimmte der Altmeister das Geschehen, gewann alle vier Viertel und hatte beim vierten Sieg im vierten Match an der Ruhr auch das Spectaculum eindeutig auf seiner Seite. Als beispielsweise Robin Benzing mit drei Dreiern in Serie in nur zwei Minuten von 26:20 (15.) auf 35:24 (17.) stellte und damit zum Gamechanger wurde, als Till Gloger per Hook shot Aitor Pickett ganz alt aussehen ließ (39:24, 19.), als Kyle Castlin einen Tempogegenstoß nach eigenem Balldiebstahl per krachendem Dunk abschloss (53:38, 25.), als Robin Benzing per Fade-Away und Buzzerbeater das dritte Viertel mit 65:48 beendete und als Daniel Norl spektakulär unter dem Korb durchtauchte und mit einem And-One auf 68:48 (31.) stellte, sangen die rund 100 mitgereisten 46ers-Anhänger in Anlehnung an alte, meisterliche Zeiten: „Hier regiert der MTV …“

Es war eine Unterstützung, die „Frenki“ Ignjatovic berührte: „Unsere Fans sind einmalig. Dass sie uns in dieser Saison, in der nicht alles optimal verlaufen ist, so sensationell unterstützen, ist echt außergewöhnlich“, drehte sich der Deutsch-Serbe in der Pressekonferenz um und winkte in Richtung der Stehtribüne, auf der die Anhänger „Frenki, Frenki …“ skandierten. Selbst in der Nacht, nach der Rückkehr des Teambusses zur Osthalle, hatten einige ausgeharrt, um der Mannschaft nochmals zuzujubeln. Ignjatovic: „Unglaublich!!!“

Von einer solchen Unterstützung können die SparkassenStars dieser Tage nur träumen. Der Trainerwechsel vom Spanier Felix Banobre zum Bulgaren Petar Topalski ist nach der zweiten deftigen Schlappe verpufft, so dass dem neuen VfL-Übungsleiter nichts anderes übrig bleib, als Branislav Ignjatovic zu einem „verdienten Sieg“ zu gratulieren. Bochum droht die Playoffs zu verpassen, „dann sehen wir uns halt nächste Saison wieder“, so Topalski. 

Was sein kann, aber nicht sein muss. Denn Nikola Stanic möchte am Ende der Saison lieber mit Champagner statt mit Wasser geduscht werden …

Bochum: Jones (7), Williams (18), Geske (10), Bucur, Kamp, Dietz, Grof, Mangum (16), Strange, Neumann, Green (8), Pickett (6).

Gießen: Norl (8), Warnholtz (4), Arslanagic (8), Castlin (9), Benzing (13), Maier (10), König Figge (4), Müsse (6), Gloger (20), Kovacevic (5), Krajcovic (8).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
  • Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (27:53 Minuten).
  • Unser stärkster Rebounder: Jonathan Maier (8).
  • Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (6).
  • Unsere höchste Führung: 86:56 (36. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 10:0 zum 71:48 (32. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 1350 Zuschauer in der Bones Hands Arena in Bochum, davon 100 aus Gießen.
  • Unser nächster Auftritt: Samstag, 18. April (19 Uhr), in der Osthalle gegen die RheinStars Köln.

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